Die sanfte Seite Marcel Breuers


Die moderne Familie

Von Wava Carpenter

Der in Ungarn geborene Architekt und Designer Marcel Breuer wird neben den meist gefeierten und gefragtesten Talenten seiner Disziplin auch als Held der modernen Bewegung betrachtet und ist bekannt für seine rohen Betonfassaden und minimalistischen Stahlrohrmöbel. Obwohl er oft als „Brutalist“ bezeichnet wird, birgt sein Konzept auch eine sanfte Seite. Er bewies überraschendes Feingefühl für tagtägliche Dinge und entwarf durchdachte Designs für Kinder, welche eine Kindheit voller Fantasie und Spaß förderten.

Breuer wurde 1902 im ungarischen Pécs, unweit der kroatischen Grenze geboren. Die Bildenden Künste interessierten ihn schon von klein auf, und so bekam er mit 18 Jahren ein Stipendium für die renommierte Akademie der Bildenden Künste Wien. Dort studierte er jedoch nur eine kurze Weile (manche behaupten sogar nur einige Stunden!), da er schnell merkte, dass ihm diese traditionelle, akademische Institution nicht entsprach. Nachdem ein Freund ihm von der radikalen Pädagogik der Bauhaus Schule erzählte, fuhr er nach Weimar, um sich einzuschreiben. Sein früh entwickeltes Gespür für Konzept und Form brachte Breuer seit 1924 die Bewunderung des Gründers und Direktors Walter Gropius, ein und er wurde prompt zum Leiter der Bauhaus Abteilung für Möbel ernannt.
 
Das Bauhaus diente Breuer quasi als Kessel, in dem all die vorherigen Zutaten des modernen Designs verschmolzen - die Wichtigkeit der Funktion, Anpassbarkeit, Modularität, Standardisierung und die Massenproduktion, nebst einer Ablehnung des Dekorativen, des Luxuriösen und des Verschwenderischen. Das daraus entstandene Gebräu nährte die moderne Bewegung bis in die Nachkriegszeit hinein. Als Absolvent und Professor des Bauhaus lebte Breuer die Alma Mater Überzeugungen auch aus nachdem er abging, um seine eigenen Erfahrungen in Paris, Dessau, Berlin, London und letztendlich in den Staaten zu machen.

Von einem Design-historischen Blickpunkt aus betrachtet, wurde die Bedeutung Breuers bereits durch einen seiner frühen Erfolge bestimmt: Inspiriert von der kurvigen und dennoch stabilen Lenkstange seines ersten Fahrrads, schuf er die ersten gebogenen Stahlrohr Möbeldesigns während er 1925 bei Bauhaus unterrichtete. Der ikonische Wassily Stuhl war seine erste Iteration dieser Idee, die schnell von einer Vielzahl an Möbeln aus Stahlrohr, wie Stühlen, Tischen, Schreibtischen und verkleinerten Modellen für Kinder, ergänzt wurde.

Für Breuer und seine Kollegen der Moderne bot Stahlrohr grenzenlose Möglichkeiten. Es war im Vergleich zu anderen Materialien mit den gleichen Eigenschaften dünn, leicht, stabil und preisgünstig. Die Möbel waren einfach zu verschieben und auch die Reinigung war problemlos, womit sie für wandelbare und hygienische Innenräume besonders geeignet waren, vor allem für Räume in denen Kinder zugange waren. Obwohl es in den 1920ern noch nicht ganz möglich war, konnte das Material prinzipiell preisgünstig in großen Fabriken hergestellt werden, wodurch es für eine breite soziale Schicht zugänglich war.

Da Breuer den Hautkontakt mit kalten, unnachgiebigen Stahl als unangenehm empfand, wurden alle Stellen seiner Stücke, die den Nutzer berührten, aus wärmeren, organischen Materialien wie Baumwolle, Leder, Rattan und Holz hergestellt. Breuer träumte von einer Zukunft in der wir uns alle auf schwungvollen, unsichtbaren Wolken entspannen. Obwohl er keinen Zugang zu solcher Sci-Fi Technologie hatte, nutzte er alles ihm in jener Zeit zur Verfügung stehende um sicherzustellen, dass die Krümmungen des menschlichen Rückens, Unterarms und Hinterteils bequem Platz fanden.

Während Breuer seine Definition guten Designs auf all seine Stücke übertrug (die Formgebung unterschied sich für Erwachsene und Kinder kaum), hatten die Richtlinien für Mobilität und Anpassungsfähigkeit eine besondere Bedeutung im Hinblick auf seine Vorstellung der idealen Kindheit. Breuer war selbst Vater von zwei Kindern, und war außerdem sehr von seiner Zeit beim Bauhaus beeinflusst. Während die neuen Ideen ausgearbeitet wurden, förderten Verfechter der Theorie der Kindesentwicklung wie Friedrich Fröbel, Ellen Key, Maria Montessori und Rudolf Steiner das Lernen durch kreative, pragmatische Spiele, die viel Zeit draußen in der Natur beinhalteten. Viele Befürworter des Bauhaus waren der Meinung, dass das, was für Kinder gut wäre, auch Erwachsenen gut tun würde. Dies bedeutete, dass Erwachsene sich bemühen sollten an der ausgelassenen Neugierde und Experimentierfreudigkeit festzuhalten, die Kinder so natürlich ausleben. Mit diesem Gedanken im Hinterkopf, versicherte Breuer, dass seine Multitasking-Designs leicht verstellbar waren, um sich ständig wechselnden Funktionen anzupassen. In Hinsicht auf Kinder könnten seine Möbel umfunktioniert werden; demnach konnte beispielsweise ein Regal als Leiter oder umgekippt mit Decken eingehüllt als Höhle genutzt werden.

Breuers Gedanken über die Kinderwelt nahmen nicht nur in Form von Möbeldesign Gestalt an. Während seiner Tätigkeit als Architekt, die im Laufe seiner Karriere in über 70 Designs für private Residenzen resultierte, entwickelte er das Konzept des „Bi-Nuclear House“ speziell um Familien unterzubringen. Die wohl bekannteste Vorführung dieses Ansatzes war die Installation eines Modellhauses für eine amerikanische Familie der Mittelschicht im Museumsgarten des MoMA im Jahr 1949. 1950 wurde dieses Modell neu auf einem Rockefeller Grundstück im Westchester County New York erbaut, wo es bis heute steht.

Detail aus dem Thonet Katalog präsentiert Breuers B341/2 Stuhl & B53 Tisch (ca. 1930-31) Foto © Thonet Das Konzept des Bi-Nuclear Hauses stützt sich auf der Unterteilung des Privaten vom Öffentlichen, des Lauten vom Stillen sowie des Aktiven vom Ruhigen. Obwohl Breuer dieses Konzept bereits in Designs einiger anderer Häuser verwirklichte, lagen die Räume der Kinder und Erwachsenen in der MoMA Version des Hauses an gegenüberliegenden Seiten. Diese Aufteilung war ein Nebenprodukt der Nachkriegszeit und der vorherrschenden Ansicht, dass der Vater eher eine sporadische Rolle in der Kindererziehung spielte und seine „Auszeit“ brauchte. Der Legende nach, soll Breuer gesagt haben: „Man will mit den Kindern leben, sich jedoch auch von ihnen befreien, wie auch sie sich von einem befreien wollen.“

Abseits dieser veralteten Anmerkungen, enthielt Breuers MoMA Haus eine Reihe angenehmer Design-Lösungen für Kinder und ihre Betreuer. So war das Spielzimmer beispielsweise weit entfernt vom Wohnzimmer gelegen, und mit stapelbaren Polsterkissen und großen, funktionellen, hohlen Klötzen von Frank Caplan und Martha New gefüllt, die zur Aufbewahrung oder als Bauelemente genutzt werden konnten. Ein kleines Fenster an einer Wand verband das Spielzimmer mit der Küche, sodass ein Elternteil (vermutlich die Mutter) ab und zu nach dem Rechten schauen konnte. Das Layout des Hauses war flexibel und beabsichtigte Veränderungen im Laufe der Zeit. Die „Kinderseite“ des Hauses umfasste zwei Schlafzimmer, wobei eines durch die Eltern belegt werden konnte, sollten die Kinder noch sehr jung sein. Und natürlich durften in keinem ordentlichen modernen Zuhause große Fensterfronten fehlen, die die Grenze zwischen Außen und Innen verwischten und die Familie mit der natürlichen Umgebung verband.

Dem 1949er MoMA Breuer Katalog nach „liegt die Schönheit dieses Grundrisses in der klaren Organisation, der Einfachheit des Managements und des Schaffens von Privatsphäre. Das Projekt bietet für eine Familie ohne zusätzliche Hilfe viele Bequemlichkeiten: nur die Tagesräume müssten im vorzeigbaren Zustand gehalten werden, während die Schlafzimmer und Spielzimmer ruhig das chaotische Reich der Kinder sein dürften; zusätzlich dient die Verbindung der Räume als ausgezeichnete Schallwand zwischen den Ruhe- und Arbeitsräumen der Eltern und des Kinderreichs, das zur Selbstentfaltung dienen soll.”

Breuer verstarb 1981 in Manhattan. Seine Möbeldesigns werden weiterhin von Thonet, Knoll und anderen Herstellern produziert, während die meisten seiner Gebäude noch stehen und sich einiges kosten lassen. Neulich verkündete die New York Times bei der Metropolitan Erneuerung von Breuers Whitney tour de force die Rückkehr des Brutalismus. Eltern erkennen unter der rauen Oberfläche Breuers ein modernes Schwergewicht mit einem möglicherweise weichen Kern.


Eine Version dieser Stroy wurde im The Kinder Journal veröffentlicht, zusammengestellt von den wundervollen Kinderdesign-Experten bei Kinder Modern.

  • Text by

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.

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