Chris Chafin betrachtet drei Designer, die Altmodisches völlig neu erscheinen lassen


Sonntage mit Stil

Von Chris Chafin

Ob wir wollen oder nicht, manche von uns haben Persönlichkeiten. Wir wissen zwar, wie chic es ist, sich mit Glas, poliertem Nussbaumholz und niedrigen Lederstühlen zu umgeben oder dass ein Haus voller Nichts bei weitem luxuriöser ist als ein Haus voller Dinge. Und trotzdem fühlen wir uns unwiderstehlich von Objekten angezogen, die etwas Menschliches an sich haben—etwas, das eine Verbindung zu unserer Vergangenheit herstellt und eine taktile, emotionale Reaktion hervorruft.

Diese Designs—Gewebe mit Spitze, blumige Aufdrücke, kräftige Stickereien—werden häufig mit einem einzigen Wort abgeschrieben: großmütterlich. In Wirklichkeit ist es aber vollkommen nichtssagend, diese Stile vergangenen Generationen anzuheften. Ich bin mir sicher, dass ich nicht die einzige Person bin, deren Großmutter nichts in der Art dieser angeblichen „Oma“ Artefakte besaß. Die geheime Anziehungskraft dieser Stücke ist, dass sie ihre Betrachter mit etwas absolut grundlegendem in Berührung bringen: mit ihrem ehrlichen Selbst. Wenn man am Wochenende spät aufsteht, eine Tasse Kaffee in den Händen hält und etwas möchte, das einfach komplett man selbst ist. Warum nennen wir es also nicht einfach Sonntags Stil?

Zum Glück kann man dieses Bedürfnis auf kunstvolle Weise befriedigen. Eine aufstrebende Gruppe an Designern entwirft wunderschöne, durchdachte Stücke, die Steppmuster, einen Hauch von Altrosa und handgenähte Details enthalten und diese Sonntagmorgen-Stimmung auf eine milde und zugleich raffinierte Weise ausstrahlen.

Huda Baroudi und Maria Hibri von Bokja Design Foto © Bokja Design Bokja Designs aus dem Libanon zum Beispiel verwendet Flicken aus dem kräftigen, leuchtenden usbekischen Stoff Suzani, um das Opium Schlafsofa  herzustellen, welches nach dem perfekten Ort aussieht, um sich im einfallenden Sonnenlicht zu räkeln. Und tatsächlich zeigte gibt es in Bokjas Studio in Beirut viel Sonnenlicht. An einem Morgen vor nicht allzu langer Zeit zeigten Gründer Huda Baroudi und Maria Hibri einem Gast freudig ihre vollen Moodboards, ihre strahlend weißen Wände und sogar einen Kinderwagen im britischen Stil, der an einer der Wände geparkt war.

„Als Bokja anfing, stand überall Minimalismus auf der Tagesordnung,“ erzählen mir die beiden später. „Wir bemerkten, dass Stickereien und gestrickte und gewebte Stücke nicht besonders angesagt waren, aber wir fanden sie toll und wollten diese Kunsthandwerke neu beleben. Im Laufe der letzten zehn Jahre haben wir beobachtet, dass auch viele andere Designer sich mit dieser Ästhetik beschäftigen und inzwischen ist daraus eine eigene Bewegung geworden.“

Ihr Studio ist nach einer bestimmten kulturellen Praxis benannt. Ein Bokja ist ein besticktes Stück Stoff, das verwendet wird, um Geschenke zu verpacken, die Frauen während der wichtigsten Lebensabschnitte—Geburt, Hochzeit und Tod— überreicht werden. „In der Levante haben alle ein Stück Bokja,” erzählen Baroudi und Hibri. „Wir besitzen Tücher, die uns von unseren Großmüttern vererbt wurden und jedes ist wertvoll und hat seine eigene Geschichte. Unsere Traditionen sind eine Inspiration für uns und wir wollen sie wiederbeleben und auf unerwartete Weisen vorantreiben.“

Yukiko Nagai auf ihrer Panchina Bank Foto © Yukiko Nagai Die in Japan geborene und in Italien ansässige Designerin Yukiko Nagai sieht in ihrer Arbeit eine ähnliche Verbindung zur Vergangenheit. Sie sagt: „Vielleicht ist das, was jungen Leuten an Stilen gefällt, die mit Großmüttern in Verbindung gebracht werden, ein Gefühl von Nostalgie. Viele von uns sind in der Nähe einer solchen Ästhetik aufgewachsen und vielleicht hat das seine Spuren hinterlassen.“ Alles an Nagais Sesseln und Ottomanen erinnert an das Wohnzimmer einer Siebzigjährigen: Geschwungene Beine und verblasste Chintz Motive. „Ich habe mich angestrengt an europäische Großmütter zu denken,“ erzählt sie mir. Aber wie sagt man so schön? Beurteile ein Buch nicht nach seinem Umschlag.

In Nagais Stücke ist nämlich eine Überraschung eingebaut. Anstelle von Polsterung verwendet sie Stein, Marmor und Fliesen aus Glasmosaik, was ihre Arbeiten zu einem Kunstwerk und Wohnzimmerstuhl gleichzeitig werden lässt. Sie hat festgestellt, dass diese Überraschung—die Tatsache, dass sich diese wunderschönen, sehr gemütlich aussehenden Stücken dagegen wehren, dass man in ihnen einsinkt—vom Publikum immer sehr positiv aufgenommen wird. Noch überraschender ist, dass sie tatsächlich bequem sind. „Mit jedem Stück versuche ich, eine interessante oder witzige Wirkung zu erzielen, etwas, das die Menschen zum Lächeln bringt und leicht verständlich ist—denn hier handelt es sich um eine Art universelles Objekt, mit dem wir alle ständig in Berührung sind.“

Nata Janberidze und Keti Toloraia von Rooms Foto © Rooms Während Nagais Nostalgie zwischen viktorianischen Antiquitäten beheimatet ist, bevorzugt Roomsein Designduo aus Tiblisi in Georgien­—eine Rückkehr in die Mid-Century Epoche. Mit Arbeiten wie dem Blossom Stuhl  und die Blaue Embroider Bank  begeben sie sich geschickt auf eine Gratwanderung zwischen handwerklich und modern. Die beiden fügen Vintage Muster und handgearbeitete Verzierungen an Stücke mit stark geometrischen Umrissen und Beinen aus Metallrohr, die man sonst eher in den Boutiquen in SoHo vermuten würde. „Heutzutage fehlen in der Gesellschaft ehrliche, menschliche Objekte,“ erklärt Keti Toloraia, eine der beiden Rooms Gründerinnen. „Wir stimmen zu, dass moderne Technologien unerlässlich sind und uns in Richtung Zukunft bringen, aber wir möchten Spuren von Tradition und Ungezwungenheit beibehalten.“ Ihre Partnerin Nati Janberidze fügt hinzu: „Unsere Arbeit ist humanistisch und versucht den Humor aufrecht zu erhalten. Ich glaube, das führt zu einer emotionalen Reaktion...etwas, wonach heutzutage viele Leute suchen.“

Rooms kleine Spuren—eine leuchtende Explosion aus blauem Faden, eine komplizierte Form, der man langsam mit den Augen folgt während man in Gedanken verloren ist—sind etwas, wovon man nur fasziniert sein kann. Genauso verhält es sich mit Bokjas bunten Collagen und Nagais durch und durch unglaublichen Trompe-l’œil Mosaiken. Wie hat sie das gemacht? Aus wie vielen Stücken Stoff besteht dieser Stuhl genau? Mit solchen entspannenden Meditationen genießt man sein Ein-Personen-Brunch, mit einer zweiten Tasse Kaffee in der Hand.

  • Text by

    • Chris Chafin

      Chris Chafin

      Chris is a Brooklyn-based writer who's contributed to publications like Rolling StoneWiredFast Company, and The Awl. He'd be flattered if you'd consider following him on Twitter

  • French Translation by

    • Audrey Kadjar

      Audrey Kadjar

      Audrey ist in Amerika geboren, hat französische Wurzeln und ist in zahlreichen Ländern aufgewachsen. Bevor sie bei Pamono anfing, studierte sie Kunstgeschichte in London und arbeitete in der Kulturindustrie. Wenn sie nicht gerade damit beschäftigt ist an der perfekten Übersetzung zu arbeiten, schreibt sie für zahlreiche Kulturmagazine, arbeitet an ihrem experimentellen Zine oder vertieft sich in Kunst- und Fotografieprojekte.

  • German Translation by

    • Annika Hüttmann

      Annika Hüttmann

      Annika ist umgeben von skandinavischem Design zwischen Norddeutschland und Südschweden aufgewachsen. Für ihr Literaturstudium zog sie nach Berlin und entdeckte dort ihre Leidenschaft für deutsche Vasen aus den 1950ern-70ern, von denen sie inzwischen mehr als 70 Stück besitzt.

  • Italian Translation by

    • Valeria Osti Guerrazzi

      Valeria Osti Guerrazzi

      Valeria, die in Rom geboren und aufgewachsen ist, konnte ihre (irrationale) Liebe für das kalte jedoch bunte Berlin nie unterdrücken. Nachdem sie ihren Bachelor in Literaturwissenschaften an der Universität La Sapienza (sie behandelte Dostojewski in der Abschlussarbeit) abschloss, zog sie direkt in ihre Wahlheimat. Nun arbeitet sie als Übersetzerin bei Pamono und verliert sich in ihrer Freizeit gerne in guter Literatur oder genießt die Natur bei Spaziergängen mit ihrem Hund Pepper, der natürlich der schönste Hund der Stadt ist.  

Mehr zum Entdecken