Der deutsche Designer Peter Ghyczy wagt einen Rückblick auf seine beispiellose Karriere


50 Jahre Funktionalismus

Von Rachel Miller

Mit seiner nun bereits fünfzig Jahre andauernden Karriere hat sich der deutsche Designer Peter Ghyczy (geboren 1940 in Budapest) einen Namen als einer der innovativsten Materialentwickler der Designwelt gemacht. Sein bekannter Garden Egg Chair (1968) aus Polyurethan gilt heute als Klassiker des Space Ages und verkörpert gleichzeitig Ghyczys unbeirrlichen Drang, Technologie für die Entwicklung von noch funktionaleren und stilvolleren Lebenswelten beständig weiterzuentwickeln. Anlässlich des fünfzigsten Jubiläums seines ikonischen Designs widmet das ADAM-Brussels Design Museum dem Designvorreiter mit Peter Ghyczy: 50 Years of Functionalism nun eine Retrospektive. Unter der Leitung von Kunty Moureau ist hier Ghyczys erste Einzelausstellung entstanden, welche neue Einblicke in Leben und Oeuvre des Designers gewährt.

Als lebenslanger Verfechter von funktionalistischem und nachhaltigem Design gründete Ghyczy 1971 seine nach ihm benannte Designfirma im niederländischen Swalmen. Bereits früh entwickelte er mithilfe eines Metallschlüssels eine spezielle Klemmtechnik mit der es nun möglich war, Glas über einem rahmenlosen Tischgestell so zu fixieren, dass es zu schweben schien. Als elegante wie minimalistische Alternative zu Kleber und Schrauben erfreute sich dieses Verfahren bald großer Beliebtheit und war somit ausschlaggebend für Ghyczys anhaltenden Fokus auf technologischen Fortschritt. In den darauffolgenden Jahrzehnten schuf er einen Designkorpus, der allgemein als “eklektischer Bauhaus-Minimalismus” beschrieben wird. Zu seinen renommiertesten, zugleich praktischen und prächtigen Arbeiten zählen unter anderem der aus einem einzelnen Stück Kunststoff geformte GN2 Easy Chair (1969) sowie die Glas- und Messingtische T09 (1972) und T14 (1973).

Wir durften mit Peter Ghyczy über seine Retrospektive, seinen andauernden beruflichen Erfolg und seine Leidenschaft für Designforschung sprechen. Hier sind die Highlights aus unserem Interview.

Rachel Miller: Das ist Ihre erste Einzelausstellung überhaupt. Wie aufregend! Wie wichtig ist dieser Moment für Sie als Designer?  

Peter Ghyczy: Ich bin natürlich unheimlich stolz, dass das ADAM-Brussels Design Museum meine Arbeiten zeigt und bin gespannt darauf, sie durch die Augen einer anderen Person zu sehen - durch die der Kuratorin Kunty Moreau. Es fühlt sich für mich ein bisschen so an, als hätte ich erst gestern noch an meinem Garden Egg Chair gearbeitet. Andererseits erinnert mich die Ausstellung natürlich auch an die anderen Etappen der langen Reise, die mich zu genau diesem tollen Moment geführt haben.

RM: Was erhoffen Sie sich für die Besucher der Ausstellung? Was kann man erwarten und was wird vermutlich überraschen?

PG: Die meisten Leute kennen wahrscheinlich meinen Garden Egg Chair - und den werden sie natürlich auch sehen -, aber die Ausstellung soll Besuchern vor allem Dimensionen und Tragweite meines Schaffens näher bringen, genauer genommen, wie meine Designs und meine Arbeit mit Materialien sich über die Jahre weiterentwickelt haben. Obwohl ich immer wieder auf mein funktionalistisches Leitprinzip zurückgreife, haben sich Form und Haptik meiner Designs mit dem zunehmenden Fokus auf Polsterung und Muster für eine neue Generation von Designliebhabern ganz klar verändert. Ich hoffe sehr, dass die Besucher vor allem das aus der Ausstellung mitnehmen werden.

Außerdem würde ich mir wünschen, dass die Ausstellung Alt und Jung gleichermaßen dazu inspiriert, mehr zu zeichnen und ein Skizzenbuch zu führen. Stift und Papier haben mich durch mein gesamtes Leben begleitet, sie waren Hauptwerkzeuge während zahlloser Stunden in meinem winzigen Atelier. Wenn die Ausstellung andere zum Zeichnen ermutigt, wäre ich mehr als zufrieden.

Ich bin der Meinung, dass sich die Form eines Designobjektes Funktion und Zweck unterordnen muss und dass dabei die materiellen Verarbeitungsmöglichkeiten die Grenzen vorgeben. Biri Schrank C03 (2017) Abbildung mit freundlicher Genehmigung von Peter Ghyczy RM: In den 1960ern arbeiteten Sie für den Kunststoffhersteller Reuter. Wie war es mit einem Material zu arbeiten, das heute so selbstverständlich geworden ist, damals aber eine echte Revolution darstellte?

PG: Mit dem Erfinder des Polyurethan-Kunststoffes Dr. Reuter und seinem Team im Reuter Design Center zusammenzuarbeiten war eine großartige Chance für mich; ich blicke immer noch mit großer Freude auf diese Erfahrung zurück. Damals war Kunststoff ein völlig neuartiges Material, ein Symbol für neue Möglichkeiten in der Herstellung —der Traum eines jeden Designers!

RM: Welche Meinung haben Sie aus heutiger Sicht zum Kunststoff und anderen synthetischen Materialien?

PG: Man sieht heute nur noch äußerst selten Kunststoffmöbel, obwohl das Material von Weichschaum und Gewebebeschichtungen bis hin zu Isolierstoffen und hochwertigem Gummi weiterhin in zahlreichen Bereichen verwendet wird. Mit der Gründung von GHYCZY habe ich Kunststoff den Rücken gekehrt. Ökologische Nachhaltigkeit ist stattdessen immer eine Hauptmotivation für meiner Designs geblieben. Daraus ist eine ziemlich abwechslungsreiche Kollektion von hochwertigen Produkten entstanden, die alle mit einem Minimum an Abfallstoffen auskommen.

RM: Wie würden Sie die Ästhetik Ihrer Designs und von GHYCZY im Allgemeinen beschreiben?

PG: Das Grundprinzip für alle meine Arbeiten sind Funktionalismus und Liebe für Materialien. Ich bin der Meinung, dass sich die Form eines Designobjektes Funktion und Zweck unterordnen muss und dass dabei die materiellen Verarbeitungsmöglichkeiten die Grenzen vorgeben. Die Ästhetik von GHYCZY würde ich hingegen als Bauhaus-Minimalismus mit einem Hang zum Eklektizismus beschreiben, unter Verwendung von exotischen Art Déco-Mustern und feinen Details aus der ägyptischen Antike.

RM: Wie beeinflusst technologischer Fortschritt Ihre Arbeiten wider? Wie gelingt Ihnen die Verbindung zwischen Technologie und Luxus?

PG: Für mich ist Technologie der Prozess, der es ermöglicht, Materialien in einer bestimmten Weise zu bearbeiten - entweder durch Verformung oder durch die Verbindung zweier oder mehrerer Materialien. Ich habe während meines beruflichen Lebens immer wieder mit neuen Technologien experimentiert und so neue Verfahren für die Gestaltung meiner Designs, wie beispielsweise meine Klemmtechnik, entwickelt. Luxus ist ein Nebeneffekt der Verwendung von hochwertigen, oft teuren Rohstoffen wie Metall, Glas und Holz. Wenn man mit derart hochwertigen Materialien an zeitlosen Designs arbeitet, dabei aber gleichzeitig so wenig Überschuss und Abfall entstehen soll wie möglich, dann hat man am Ende ein wunderschönes, nachhaltiges Produkt. Und das ist wahrer Luxus!

 

Peter Ghyczy: “50 Years of Functionalism” läuft vom 7. Februar bis zum 11. März 2018 im ADAM-Brussels Design Museum. Im Rahmen der Ausstellung findet am 22. Februar unter der Leitung von Alok Nandi außerdem ein Designtalk mit dem Titel “In Conversation with Peter Ghyczy” statt. Das Gespräch ist für die Öffentlichkeit frei zugänglich und soll Besuchern sowohl einen persönlichen Einblick in Ghyczys Arbeit ermöglichen als auch seine Reaktionen zur Ausstellung thematisieren.

Des weiteren wird das Kunstmuseum Krefeld zu Ehren Peter Ghyczys dem Kultdesigner einen eigenen Raum in der Ausstellung ‘“Idea to Form / Domeau & Pérès: Design and Craftsmanship” widmen, die zwischen dem 18. Mai und dem 14. Oktober 2018 in den Räumlichkeiten Kaiser Wilhelm Museums gezeigt wird.

 

 

  • Text von

    • Rachel Miller

      Rachel Miller

      Rachel kommt aus Kalifornien, USA. Derzeit lebt sie in Berlin und macht in Literaturwissenschaften ihren Master. Wenn sie nicht gerade liest oder schreibt, ist sie auf der Suche nach Berlins bestem Craft Bier. Ihre Reiselust inspiriert sie zu großen Abenteuern an verschiedensten Orten auf der Welt sowie zuhause in ihrer Küche.

  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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