Lora Appleton von Kinder Modern gelingt gemeinsam mit Keramikkünstler Cody Hoyt die Brücke zwischen Kunst und Design


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Von Gretta Louw

Keramik von Cody Hoyt Foto © Clemens Kois Im letzten Jahr bat Lora Appleton – Kinder Moderns energetische Gründerin – den bekannten amerikanischen Keramikkünstler Cody Hoyt, seine unverwechselbaren Keramikmuster auf eine neue Reihe von Luxus Teppichen für familienfreundliche Wohnräume zu übertragen. So entstanden die vier einmalig lebhaften Teppichdesigns der Artist Collection (2017), die von Hand aus 100% neuseeländischer Schurwolle geknüpft und mit dezenten Einkerbungen verziert sind.

Fasziniert von Hoyts ungewöhnlichem Wandel von marmorierter, ästhetisch facettenreicher Keramik zu Plüsch und geschmeidigen Stoffen, wandten wir uns an diese beiden gleichsam dynamischen Künstler – in der Hoffnung, die verknotete und verworrene Grenze zwischen Kunst, Handwerk und Design endlich auflösen zu können.

 

Gretta Louw: Ich würde gerne wissen, warum Sie sich für die Zusammenarbeit mit einem Künstler entschieden haben. Wussten Sie von Anfang an, dass dabei eine Teppichkollektion herauskommen würde oder hat sich das erst während des Projekts ergeben?

Lora Appleton: Normalerweise kommen alle meine kreativen Ideen direkt auf einmal. Bei diesem Projekt wusste ich sofort, dass ich zusammen mit Cody seine Keramikarbeiten in Teppiche umwandeln wollte. Da ich bereits seit langem ein großer Fan war, wollte ich mit ihm gemeinsam seine Vision auf ein neues Medium übertragen. Der Prozess von Lehm zu Wolle erschien mir eine ziemlich interessante Herausforderung. Bei vielen Teppichen werden Materialien wie Seide, Hanf, Bambus und andere Stoffe mit weicher und glänzender Oberfläche verwendet, um ihnen mehr bildnerische Tiefe und eine gewisse Portion Luxus zu geben. Ich wollte diesen Effekt aber allein mit Wolle erzielen – einem Material, das beständig ist wie kein zweites.

Cody Hoyt: Kinder Modern hatte schon immer den besten Stand auf der Collective Design Fair – bis ich 2015 meinen eigenen für die Patrick Parrish Gallery entwerfen durfte. So lernte ich Lora kennen. Wir fingen direkt an, unsere Zusammenarbeit zu planen. Ich wollte mit Textilien arbeiten, hatte diese in der Vergangenheit aber als zu kompliziert empfunden. Kinder Modern gelingen unglaubliche Dinge und als Loras Vorschlag zu Teppichen kam, fühlte es sich sofort richtig an. Gerade die Herausforderung, kleinformatiges und starres Steingut in ein so weitläufiges und sinnliches Plüscherlebnis umzuwandeln, faszinierte uns viel mehr als Möbel oder Kunstobjekte.

Cosmos Carpet aus der Artist Collection, entworfen von Cody Hoyt für Kinder Modern Foto © Kinder Modern GL: Kinder Modern ist bekannt für sein kindgerechtes Design. Die Stücke der Artist Collection sind unterhaltsam und dynamisch – gleichzeitig aber auf so unangestrengte Weise elegant, dass es ein breites Publikum anspricht. Für welche Art von Lebensraum sind die Teppiche in erster Linie gedacht?

LA: Ich sehe alle Projekte von Kinder Modern in einem familiären Kontext. In meiner Familie leben wir recht anspruchsvoll; ich bin jeden Tag von Kunst- und Designsammlungen, Vintage, sehr wertvollen Designarbeiten, dem Stuhl meiner Urgroßmutter wie auch dem ein oder anderen IKEA-Teil umgeben; so leben, denke ich, die meisten Leute – inmitten einer bunten Mischung aus ganz unterschiedlichen Einrichtungsstücken. Bei meiner Arbeit als Designerin steht immer der Gedanke im Vordergrund, eine luxuriöse Lebensästhetik zu schaffen. Mit Luxus meine ich aber nicht etwas, das teuer ist, sondern Handarbeit, die einzigartig produziert und dadurch auch künstlerisch wertvoll ist.

GL: Mir gefällt diese Formulierung – künstlerisch wertvoll. Wenn man sich die Kollektion ansieht, wird das ziemlich schnell klar; von der ungewöhnlichen Form der Teppiche bis hin zu den Mustern, die fast wie Malereien wirken. Wie war es, so interdisziplinär zu arbeiten?

LA: Es hat Spaß gemacht, mit Cody zusammenzuarbeiten, aber es war auch eine Herausforderung. Wenn zwei Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven zusammenarbeiten, ist der [gegenseitige] Austausch immer aufregend und erfüllend. Für diese eher kleine Reihe wollte ich sicherstellen, dass man die Teppiche visuell am Ende genauso wahrnimmt wie die Keramikarbeiten von Cody Hoyt. Es war also keine Übersetzung im eigentlichen Sinne, sondern mehr die Übertragungen einer bestimmten farblichen Atmosphäre; einer Textur. Außerdem musste wir berücksichtigen, wie die Teppiche den Boden abdecken und wie bestimmte Muster in unterschiedlichen Wohnräumen wirken. Ich bin fest davon überzeugt, dass unser Projekt gelungen ist. Wir haben eine Teppichkollektion entworfen, die Kunst für den Boden ist – ohne dabei an Funktionalität einzubüßen.

CH: Da ich fast alle meine Arbeiten von Hand in meinem Studio herstelle, habe ich zu allen von ihnen einen ziemlich persönlichen Bezug. Die Teppiche werden aber von Kunsthandwerkern in einem anderen Land hergestellt; wir müssen uns darauf verlassen, dass sie unsere Vision bis ins kleinste Detail rekonstruieren können. Kommunikation und Verständnis füreinander sind dabei essenziell. In kollaborativer Hinsicht macht die Arbeit mit Lora zweifellos Spaß, aber danach kommen viele anstrengende Formalitäten. 

Ray Carpet aus der Artist Collection, entworfen von Cody Hoyt für Kinder Modern Foto © Kinder Modern GL: Wir leben in einer Zeit, in der sich die Mauer zwischen “Kunst” und “Design” kurz vor dem Einsturz befindet. Es gibt aber immer wieder Situationen, in denen die Trennung entweder von der einen oder anderen Seite bestätigt und ganz beharrlich auf ihre Einhaltung bestanden wird. Wie sehen Sie diese Überschneidungen und die Grenze zwischen Kunst und Design, die immer weiter verschwimmt? Sind solche Kategorien noch zeitgemäß oder gibt es mittlerweile hybride Formen, die sich zwischen den beiden übergroßen Disziplinen bewegen? 

LA: Das ist eine ziemlich gute Frage und auf jeden Fall ein heiß diskutiertes Thema. Ich erlebe die beharrliche Trennung vor allem von Seiten der Kunst. Designer arbeiten heutzutage über Disziplinen hinaus. Sie stellen in unterschiedlichen Kontexten aus und produzieren demnach für ganz unterschiedliche Anwendungsgebiete. Labels und Endprodukte beschäftigen mich persönlich viel weniger als die Materialien und die handwerklichen Prozesse dahinter, weil die letztendlich Individualität gewährleisten. Menschen, insbesondere Künstler, können immer voneinander lernen. Wir müssen uns in unserer Arbeit ständig weiterentwickeln.

Mit Luxus meine ich aber nicht etwas, das teuer ist, sondern Handarbeit, die einzigartig produziert und dadurch auch künstlerisch wertvoll ist. CH: Ich glaube, dass die meisten Leute in erster Linie ihr Ding machen wollen und diese Kategorien dabei keine Rolle spielen. Es gibt definitiv einen Unterschied zwischen Kunst und Design, aber heutzutage kommen die Kategorien eigentlich nur noch auf abstrakter Ebene zum Einsatz, um eine bestimmte Arbeit besser einordnen zu können. Der Diskurs findet nicht im Studio statt. Ich finde, das Handwerk darf hier nicht außen vor gelassen werden, dann hätte man eine Art romantischen Dreier. 

GL: Was planen Sie für Kinder Modern als nächstes; wollen Sie Ihre Zusammenarbeit fortsetzen?

LA: Wir wollen die Kollektion um neutrale und schwarz-weiße Paletten erweitern. Seit ich 2014 meine erste Teppichkollektion herausgebracht habe – eine der ersten modularen Luxus Teppichkollektionen, wenn nicht sogar die erste – wurde der Markt in dieser Kategorie förmlich überschwemmt. Wir arbeiten gerade an einem neuen Farbton für die übersättigte Teppich Landschaft und wir nehmen uns für unsere gemeinsame Arbeit alle Zeit der Welt.

  • Text von

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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