Editions Milano ist italienische Tradition für das 21. Jahrhundert


Mailänder Stil

Von Carlotta Trevaini

„Unser Name bringt das, was wir tun, auf den Punkt —wir sind Editoren,” sagt Eleonora Negri, die lange Zeit als Beraterin für Designkommunikation arbeitete bevor sie im Jahr 2016 ihr Unternehmen Editions Milano für Luxusmöbel ins Leben rief. „Alles fängt mit einer simplen Idee an, die wir dann von talentierten Fachleuten umsetzen lassen. So entstehen Objekte, die nicht bloß funktional, sondern gleichzeitig sinnlich und emotional sind. Wesentliche Bestandteile unserer Arbeit sind hochwirksame Ästhetik und eine ausschließlich in Italien verortete Produktion.”

All die Jahre, in denen sie Werbung für die Designprojekte anderer entwickelte, stellten die Weichen für den Erfolg ihres eigenen Unternehmens. Editions Milano profitierte von Negris gutem Netzwerk in der Designwelt als die Marke 2016 auf der Milan Design Week ihr Debut mit Credenza feierte —einer limitierten Serie von Aufbewahrungsmöbeln aus Buntglas, die gemeinsam von der Architektin/ Designerin Patricia Urquiola und dem angesagten Künstler/ Grafikdesigner Federico Pepe entwickelt wurde.

Die Kollektion übertraf alle Erwartungen, war Thema zahlreicher Medienberichte und wurde von der Öffentlichkeit mehr als positiv aufgenommen. In kürzester Zeit veröffentlichte Editions Milano Kollektionen von Chiara Andreatti, Cristina Celestino, CTRLZAK, Germans Ermičs, Bethan Gray und Pietro Russo. Schon in diesem Jahr wurden ihre von David/Nicolas entworfene Triangoli Vessels mit einem Designpreis im Wallpaper* Magazine ausgezeichnet.

Um mehr über Negris Erfolgsrezept zu erfahren, trafen wir sie im Editions Milano Hauptquartier, das im bekannten Mailänder Jugendstilbau FuturDome zu finden ist (in den 1930er und 40er Jahren eine bekannte Anlaufstelle für Futuristen, wurde das Gebäude vor kurzem zu einem interdisziplinären Kunst- und Designraum umgewandelt). Während wir inmitten dieser geschichtsträchtigen Designkulisse unseren Espresso tranken, gewährte uns Negri einen Einblick in ihre Welt.

Carlotta TrevainiMailand ist die Geburtsstätte von Editions Milano. Welche Bedeutung hat die Stadt für die Identität des Unternehmens?

Eleonora NegriMailand ist unsere ursprüngliche und kontinuierliche Quelle der Inspiration; es ist kein Zufall, dass die Stadt in unserem Namen vorkommt! Der Mailänder Stil ist geprägt von Gegensätzen: anspruchsvoll, aber niemals überheblich; auf eine sehr bodenständige Art elegant, aber dennoch ziemlich unberechenbar, nie banal und nimmt sich selbst nicht zu ernst. Die ständigen Veränderungen hier bereichern uns, weil Alt und Neu jedes Mal ein ideales Gleichgewicht finden. Es gibt immer etwas Neues und Unerwartetes zu entdecken —und wiederzuentdecken!

CT: Die italienische Designszene ist heute abwechslungsreicher denn je. Sowohl Etablierte als auch Nachwuchsdesigner spielen mit neuen und interdisziplinären Ansätzen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung im italienischen Design und wie lautet Ihre Prognose für die Zukunft?

EN: Ich arbeite nun glücklicherweise schon seit einigen Jahren in der Branche und konnte die Revolution, die das italienische Design immer wieder aufs Neue erlebt, mitverfolgen. Typisches “Made in Italy” Kunsthandwerk ist eine unerschütterliche Institution, die auf der ganzen Welt studiert und geschätzt wird. Auf kreativer und konzeptioneller Ebene entsteht ein endloser Strom an Ideen und aufstrebenden Talenten. Italien hat uns die großen Meister der Vergangenheit geschenkt und auch heute schneidet das Land im internationalen Vergleich gut ab. Erfolg hat heute, wer eine Geschichte erzählen kann; wer emotionale Werte in Materialien, Farben und Formen fassen kann. Wir können uns glücklich schätzen, mit zahlreichen, international bekannten italienischen Designern arbeiten zu dürfen —wie Cristina Celestino, Pietro Russo, Lorenza Bozzoli oder Chiara Andreatti— und uns fällt immer wieder auf, dass ihr Erfolg auf ihrer Fähigkeit beruht, abstrakte Ideen in Sinneserfahrungen umwandeln zu können.

Editions Milanos Miscredenza, Form designt von Patricia Urquiola, Grafik designt von Federico Pepe Foto © Editions Milano CT: Wie muss man sich die Arbeit bei Editions Milano vorstellen?

EN: Wir arbeiten wohl konträr zu den meisten Unternehmen. Zuerst definieren wir ein grundlegende Idee, die so ziemlich alles sein kann —ein bestimmtes Material, eine Form oder eine Technik. Dann versuchen wir, den geeigneten Partner für diese Idee zu finden und wenden uns an denjenigen Designer, der unserer Meinung nach das Abstrakte am besten in etwas Konkretes umwandeln kann. So war es auch bei unserer Credenza Kollektion: wir waren fasziniert von Buntglas, das während des Mittelalters in zahlreichen italienischen Kirchen als Material eingesetzt wurde. Damit gingen wir auf Federico Pepe und Patricia Urquiola zu. Da Pepe nicht nur Designer, sondern auch ein großartiger Künstler ist, konnten wir ihn uns gut für die grafische, künstlerische Seite des Projekts vorstellen. Und Urquiola war ganz einfach die beste Wahl, um dieses altmodische Material in etwas völlig Zeitgemäßes und Fesselndes umzuwandeln.

CT: Unterscheiden sich die kreativen Ansätze der Designer, mit denen Sie bisher zusammengearbeitet haben, auf bestimmte Weise?

EN: Jeder Designer, mit dem wir zusammengearbeitet haben, hatte seinen ganz eigenen Ansatz. Unsere Produkte resultieren aus intensiver Teamarbeit, die gleichzeitig Spaß macht. Ich glaube, dass der kreative Freiraum, den wir Designern gewähren, die entscheidenden Impulse für großartige Arbeiten liefert. Dennoch geht jedes Projekt seinen eigenen Weg. Wir beginnen mit einem theoretischen Konzept, das dann durch zahlreiche Tests, Anpassungen und Veränderungen allmählich realer wird. Einige Designer konzentrieren sich mehr auf den kreativen Aspekt des Projekts; andere wollen den kompletten Produktionsprozess nachvollziehen können. Jeder bringt seinen eigenen Modus Operandi mit, sodass wir immer dazulernen.

Triangoli Vessels von David/Nicolas für Editions Milano, Wallpaper* Design Award 2018 Gewinner Foto © Editions Milano CT: Wie würden Sie “gutes Design” definieren? 

EN: Ich denke, dass sich ein gutes Produkt aus drei Teilen zusammensetzt: makellose Qualität, was Materialien und Produktion angeht, eine ansprechende Ästhetik und ein gut vermittelter Wert. Der finanzielle Wert definiert sich über Faktoren wie Materialien, handwerkliche Verfahren, Kosten und so weiter. Für den Verbraucher geht es aber nicht nur darum, einen bestimmten Zweck zu erfüllen und seine Wahl hängt nicht allein vom finanziellen Wert ab. Er oder sie möchte mit einem Designobjekt ein inneres Bedürfnis befriedigen. Ein gutes Produkt muss diese Erwartungen also widerspiegeln und erfüllen können.

CT: Wo verkauft sich Editions Milano am besten?

EN: Da Editions Milano ein noch sehr junges Unternehmen ist, konzentrieren wir uns fürs erste auf die positive Marktresonanz in Europa und den USA. Es ist nicht auszuschließen, dass wir unseren Horizont in Zukunft erweitern. Wir wollen aber stets die richtigen Werkzeuge und Ansätze für neue Ziele parat haben. In erster Linie möchten wir unseren eigenen Ansprüchen gerecht werden. Und da wir eher auf Qualität als Quantität setzen, fühlen wir uns mit einer kleinen Nische immer noch am wohlsten. Es wäre absolut nicht in unserem Sinne, generisch zu werden nur um allen zu gefallen. Wir möchten den Fokus  auf unsere eigene stilistische Identität auf keinen Fall verlieren.

CT: Was können Sie uns über bevorstehende Projekte verraten? 

EN: Wir arbeiten zurzeit an vielen Projekten, sowohl mit neuen als auch altbewährten Partnern. Wir werden uns für das dritte Jahr in Folge mit Patricia Urquiola und Federico Pepe zusammenschließen, dieses Mal arbeiten die beiden allerdings unabhängig voneinander. Patricia hat für uns zwei Kollektionen entworfen; eine Reihe von Accessoires aus Marmor und eine Möbelserie. Als Neuzugang sind wir besonders auf Federico Peri gespannt, ein fantastisches Nachwuchstalent. Über die laufenden Projekte kann ich wenig verraten, weil wir wie gewöhnlich mit Ideen beginnen und erst selbst herausfinden müssen, wo diese uns hinführen. Sie können also gespannt sein!

  • Text von

    • Carlotta Trevaini

      Carlotta Trevaini

      Carlotta kommt aus Turin in Italien und ist tatkräftiges Mitglied in unserem wunderbaren Sourcing Team. Sie ist außerdem ein großer Fan von Urban Art und Kaffee. Bevor sie 2015 nach Berlin kam, war sie in Australien auf Entdeckungsreise und studierte Politik und Wirtschaft in Italien und Süddeutschland. Obwohl sie den Ausblick auf die Alpenkette vermisst, liebt sie Berlins spannende Kreativszene und die hier herrschende „entspannte, multikulturelle Atmosphäre“.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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