Matylda Krzykowski stellt die zeitgenössische Designwelt auf den Kopf


Keine halben Sachen

Von Gretta Louw

Matylda Krzykowski ist ein echtes Original. Selbst im Design, wo es von kreativen Köpfen und Querdenker*innen nur so wimmelt, fällt Krzykowski auf. Ohne Kompromisse geht sie ihren eigenen Weg, fernab von Trends und Regeln. Genausowenig lässt sie sich in berufliche Schubladen stecken: das Design-Multitalent arbeitet an kreativen Kunst- und Designprojekten, leitet eine neue Contemporary-Galerie und nimmt oft Einladungen an, um als Kuratorin, Jury-Mitglied, Mentorin oder als Professorin zu arbeiten. Und das ist für die 35-Jährige gerade erst der Anfang.

Seit Frühling diesen Jahres stehen wir im regen Austausch mit Krzykowski: an einem Nachmittag trafen wir uns auf einen Drink mit Blick auf den Rhein, wir besuchten gemeinsam eine Ausstellungseröffnung im Haus der Elektronischen Künste in Basel, halten uns regelmäßig per Mail auf dem Laufenden und besuchten sie nun in ihrer hippen Berliner Wohnung, um einen kleinen Einblick in die Welt dieser Überfliegerin zu erhaschen.

Krzykowskis Wohnung beweist, wie viel Privaträume über eine Person verraten können. Ihre Räume sind laut und lebhaft eingerichtet – hinter jeder Ecke warten neue Überraschungen. Über die starken Farbkontraste, die ihre Räume durchziehen, sagt sie: „Weiße Wände und Holzböden sind wie ein Sessel von Eames. Man hat sich nicht wirklich selbst dafür entschieden, sondern folgt lediglich anderen.“ Ihr Geschmack in Sachen Einrichtung lässt sich wohl am besten mit eklektisch und gegenwärtig beschreiben. „Alles, was für unsere Gegenwart von Bedeutung ist – von Möbeln bis zu Objekten, von Kunstwerken bis zu Design“, beschreibt Krzykowski ihren Stil und erwähnt dabei einige ihrer Lieblingsobjekte wie den OS Table von Lukas Wegwerth, die Materialprobe Well Proven Chair von Marjan van Aubel und James Shaw sowie ein frühes Textilstück von Hana Milec. Krzykowskis auffälliges, würfelförmiges Bett ist eine Eigenkreation: es ist ungewöhnlich hoch, sodass man hochklettern muss, um sich hinzulegen. „Ich habe das Bett als Erinnerung an meine Kindheit entworfen. Damals schien es so, als seien alle Möbel für Erwachsene gebaut. Als Kind fühlt man sich wie auf einem spielerischen Hindernisparcour oder einem Spielplatz.“ Krzykowskis Wohnung ist voller Abenteuer – genau wie ihr Alltag.

Krzykowskis Wurzeln sind durch und durch europäisch geprägt: sie wurde in Polen geboren und zog im Alter von vier Jahren mit ihrer Familie ins Ruhrgebiet. Sie studierte an der Academy of Fine Arts and Design in Maastricht und bekam 2014 einen der begehrten Studienplätze an der renommierten Van Eyck Academy. Von geografischen Grenzen ließ sie sich noch nie einschränken. Selbst während sie zehn Jahre in den Niederlanden verbrachte, war sie bereits fester Bestandteil der Avantgarde-Designszene in Basel und London. 2011 gründete sie gemeinsam mit anderen Kreativen den kultigen Design Popup-Raum Depot Basel: bei diesem dynamischen Konzept geht es um Ausstellungen, theoretischen Austausch und kritischen Diskurs, Auftragsarbeiten und Designprojekte außer Haus für namhafte Institutionen wie das Vitra Design Museum und das Victoria and Albert Museum in London. Seit zwei Jahren ist sie in Berlin, doch es vergeht kaum eine Woche, in der sie nicht unterwegs ist. Regelmäßig reist sie für Meetings oder Veranstaltungen nach Basel, London oder nach Kiel, wo sie seit letztem Jahr als internationale Gastprofessorin an der Muthesius Kunsthochschule lehrt.

Desktop Exhibition, Art of Showing - Z33, kuratiert von Matylda Krzykowski Bild mit freundlicher Genehmigung von Matylda Krzykowski Krzykowskis Projekte sind abwechslungsreich und fesselnd zugleich. In einer zweijährigen Zusammenarbeit mit der New Yorker Chamber Gallery kuratierte sie drei Ausstellungen mit 100 Objekten, die mit der Ausstellung von 2016 zum Abschluss gebracht wurde. Außerdem entwarf sie 2011 mit der Hilfe von befreundeten Designer*innen aus den Bereichen Textil, Möbel und Grafik für Fashionclash in den Niederlanden eine atemberaubende Kollektion tragbarer Kunst. Und dann wäre da noch ihre laufende Desktop Exhibitions Serie, in der kuratierte, öffentliche Präsentationen auf Computerbildschirmen zu sehen sind. Für sie ist Design ein Medium der Kommunikation und des Widerspruchs, der anarchistischen Ausgelassenheit und der nüchternen Reflektion – diese Leidenschaft spielt sich auf allen Ebenen ab. „Du kannst heutzutage jeden erreichen und alles machen“, stellt sie entschieden fest. Und wenn man Krzykowski gegenüber sitzt, fällt es schwer, ihr zu widersprechen. Sie wird von einer rebellischen Energie angetrieben, einer inneren Ruhelosigkeit, die dem innigen Wunsch entspringt, eine positive Veränderung in der Designbranche zu erwirken. „Wie können wir [den Kunst- und Designbetrieb] kritisch betrachten ohne uns komplett abzuwenden?“ Diese Frage zieht sich wie ein roter Faden durch Krzykowskis gesamte Arbeit.

Das Projekt Depot Basel, das derzeit mehr oder weniger pausiert, wurde um genau diesem provokanten Grundgedanken herum entwickelt. „Institutionen wie Museen müssen laufend neue Inhalte produzieren, selbst wenn dafür gar kein Bedarf besteht“, sagt Krzykowski. Mit Depot Basel wurde versucht, eine Alternative zu finden. Mit jedem neuen Projekt konnte die Gruppe entscheiden, ob das Thema am besten durch einen Vortrag, eine Ausstellung, einen Workshop, eine Publikation oder einen direkten Auftrag umgesetzt werden kann – ohne vorgegebene Regeln oder Erwartungen. „Ich arbeite als Designerin. So nehme ich die Welt wahr.“

Matylda Krzykowski in ihrem Berliner Appartement Foto von Pedro Gething Krzykowski geht jede Aufgabe mit der gleichen Strenge und Bereitschaft an, die allgemeingültige Weltordnung zu hinterfragen. Ihre Lehraufträge sind ein Teil davon. In ihrem diesjährigen Kurs Methoden und Formate an der Muthesius Universität fordert Krzykowski Studierende dazu auf, „eine Parallelwelt zur Institution, in der wir uns befinden“, zu schaffen. So sollen Studierende nicht nur ihr eigenes Lernumfeld neu gestalten, sondern auch auf eine Ausstellung während der Design Biennale in Istanbul vorbereitet werden. „Ich lerne genau so viel von den Studierenden wie sie von mir,“ beschreibt sie ihre Begeisterung für ihre Lehrtätigkeit. Die Studierenden diesen Jahrgangs werden wohl die einzigen in Kiel bleiben, die von Krzykowskis kritischem und experimentellem Ansatz profitieren. Im Herbst wird die Designerin in die Staaten reisen, um dort eine Gastprofessur an der School of the Art Institute of Chicago im Fachbereich Architektur, Innenarchitektur und Objektgestaltung anzutreten.

Krzykowski ist ständig unterwegs und blickt immer nach vorne. Es ist also kein Wunder, dass sie sich selten mit der Geschichte des Designs befasst. „Ich habe keine  Lieblingsdesigner*innen aus der Vergangenheit. Ich beziehe mich sehr auf die heutige Zeit, vielleicht weil ich den historischen Ursprung unseres Kanons fragwürdig finde.“ Fragt man sie jedoch, welche zeitgenössischen Künstler*innen oder Designer*innen sie zur Zeit besonders interessieren, reagiert sie ganz anders. „Die Liste ist lang und ich würde diese Frage an jedem Tag anders beantworten“, witzelt sie. „Ich zähle jetzt mal alle Namen auf, die mir innerhalb von einer Minute einfallen: Bertille Laguet, Jing-He, Anka Jaworska, Simone C. Niquille, Annika Frye, Addie Wagenknecht, Sophie Jung, Valerie van Zuijlen, Marjan van Aubel, Johanna Grawunder, Maya Ober, Nina Paim, Maria Jeglinska, Hilda Hellström, Katrin Greiling, Zohra Opoku, Hana Miletic, Alice Wong, Navine G. Khan-Dossos, NO-MAN, Saša Štucin, Kaja Kusztra.“ Sie genießt den Austausch und die Zusammenarbeit mit Kolleg*innen und vergrößert gerne ihr Netzwerk. Sie erklärt: „Ich arbeite immer besser in einem Raum voller Leute.“

Letztendlich lässt sich Krzykowski nur schwer einordnen. Einerseits ist sie eine vielseitige Größe der internationalen Designszene, andererseits macht sie sich nicht viel aus ausgetretenen Pfaden. „Ich bin dafür bekannt, das zu tun, was die anderen nicht tun möchten,“ sagt sie mit unbewegter Miene. Ihre Ziele sind schon recht revolutionär: Wie kann Design neu definiert werden? Wie können neue Themen dieser Fachrichtung erschlossen werden? „Wir haben genügend Institutionen, die Design sammeln, konservieren und damit objektivieren“, sagt sie. Ihre Vision geht weit darüber hinaus.

Einen flüchtigen Einblick in ihre großen Pläne erhielten wir, als wir sie fragten, was ihr in der heutigen Designwelt fehlt. Ihre Antwort? „Eine Designhalle, ähnlich zur Kunsthalle, wo der Fokus auf gegenwärtiger Produktion und Kommunikation liegt. Ich könnte die Direktorin sein.“ Und sie hat recht, das wäre fantastisch.

  • Text by

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.

Mehr zum Entdecken