100 Jahre im Glanz des Art déco, Teil 1


All That Jazz

Von Rachel Miller

Don't throw the past away / You might need it some rainy day /
Dreams can come true again / When ev'ry thing old is new again
– Peter Allen, “Everything Old is New Again,” bekannt aus All That Jazz (1979) und The Boy from Oz (1998)

Alles kommt wieder. Dieser Spruch gilt für Mode, Musik, Theater und darüber hinaus. Die Designwelt stellt keine Ausnahme dar. Die neueste Wiederbelebung? Eine absolut fantastische Art déco Renaissance. In letzter Zeit sind wir Zeugen eines unverkennbaren Revivals der Art déco Ästhetik geworden, die viele der aufregendsten Designer unserer Zeit anregt und inspiriert, von beliebten, etablierten Namen wie India Mahdavi bis hin zu Nachwuchstalenten wie  Cristina Celestino, Hagit Pincovici und Anthony Bianco

Als Bezeichnung ist Art déco ziemlich ungenau und trotzdem scheinen wir es sofort zu erkennen, wenn wir es sehen. Obwohl dieser Stil keine genaue, gleichbleibende Definition hat, ist der ungenierte Glanz von Art déco Objekten und Einrichtungen sofort erkennbar. Während man das Aufblühen der Art déco Ästhetik zu einem glorreichen Moment 1925 in Paris zurück verfolgen kann, hatte sie seitdem immer wieder Gastauftritte in unserer Designkultur.

Art déco entstand zwischen den beiden Weltkriegen in Frankreich, wurde damals jedoch nicht Art déco genannt, sondern Style Moderne und war nie wirklich auf französische Designer beschränkt. Egal, ob sich sich selber als Teil davon sahen oder nicht, die Hauptakteure, die mit der Bewegung assoziiert werden, bevorzugten im allgemeinen luxuriöse Materialen, geometrische Motive und meisterhaftes Kunsthandwerk. Gleichzeitig gab es jedoch viele, die die damaligen technischen Fortschritte annahmen und in ausdrücklich bescheidenen, maschinell hergestellten Materialien wie Stahlrohr und Formsperrholz entwarfen. Um das Ganze noch verwirrender zu machen, wird der Begriff Art déco ebenfalls häufig verwendet, um Designarbeiten aus der Nachkriegszeit zu beschreiben und dient auch heute noch als Bezeichnung für Contemporary Designs. Mon dieu!

In dieser dreiteiligen Serie wird Pamono Sie durch die letzten 100 Jahre führen, um herauszufinden, wie und warum Art déco zu einem der fortdauernden Stile des 20. und bisher auch des 21. Jahrhunderts wurde. Beginnen wir also am Anfang – kurz nach der Jahrhundertwende.

 

 

Chauffeuse von Jean-Maurice Rothschild mit Polsterung von Emile Gaudissart, Auftragsarbeit für den Grand Salon des S.S. Normandie Ozeandampfers (Frankreich, ca. 1934) Foto © Écomusée de Saint-Nazaire / Jean-Claude Lemée; mit freundlicher Genehmigung von Cité de l'Architecture et du Patrimoine Haute Art déco

Style Moderne war in Frankreich bereits in den 1910ern weit verbreitet, der entscheidende Moment, in dem der Rest der Welt darauf aufmerksam wurde, war jedoch die Exposition Internationale des Arts Decoratifs Industriels et Modernes 1925 in Paris. Organisiert von La Societe des Artistes Decorateurs mit dem Ziel, an die glorreichen Zeiten der französischen dekorativen Künste anzuknüpfen, stellte dieses gut besuchte und beworbene, stadtweite Event die Arbeiten von sowohl französischen als auch internationalen Kunsthandwerkern, Architekten und Designern aus, welche versuchten sich gegenseitig bezüglich der Eleganz und Raffinesse ihrer Dekorationen zu übertreffen. Unter den berühmten Namen, denen dies erfolgreich gelang, sind die Möbeldesigner Jacques Adnet, Jacques-Emile Ruhlmann, und Maurice Dufrène, die Architekten Josef Hoffmann, Victor Horta und Eliel Saarinen, die Glaskünstler René Lalique und Émile Gallé und die Modedesigner Erté und Paul Poiret.

Bei so vielen internationalen Teilnehmern, die darum wett eiferten, ihr idiosynkratrisches regionales Erbe mit den interkulturellen Vorlieben der Zeit zu vereinen, überrascht es daher nicht, dass eine riesige Bandbreite an ästhetischen Ausdrücken unter dem Begriff Art déco zusammengefasst wurde. Unter den Inspirationsquellen waren neben Kunstströmungen wie dem Konstruktivismus, dem Kubismus, dem Futurismus und dem Surrealismus auch „exotische“ regionale Motive aus dem Nahen Osten, Asien und Afrika. Andere bauten auf dem Jugendstil auf, einer europaweiten Designbewegung um die Jahrhundertwende, die ebenfalls traditionelle Handwerkskunst schätzte und auf der Natur beruhende Verzierungen bevorzugte.

 

Innenansicht des l'Esprit Nouveau, Entwurf von Le Corbusier & Pierre Jeanneret für die Exposition Internationale des Arts Décoratifs et Industriels Modernes (Frankreich, 1925) Foto © Les Arts Décoratifs / éditions Albert Lévy Moderne und Art déco

Die Art déco Ausstellung fand zu einer Zeit statt, in der die Bewegung der Moderne gerade begonnen hatte und eine Gruppe an Design-Visionären und Theoretikern anfing, Maschinen zu verehren, handgefertigte Produktion zu vermeiden und Designformen auf ein Minimum zu reduzieren. Obwohl von der Ausstellung vor allem opulente Möbel und Dekorationen – wie mit Zebraleder bezogene Sofas und Kommoden mit eingelassenem Elfenbein – im Gedächtnis geblieben sind, zeigte sie auch die Arbeiten einiger Architekten und Designer, deren Mission es war, sämtliche unnötige Verzierungen zu eliminieren und stattdessen funktionalistische Ideen in den Vordergrund zu rücken. Le Corbusiers Beitrag zur Art déco Ausstellung, der bahnbrechende Pavilion de l’Esprit Nouveau, war ein direkter Protest gegen die grundlos verschwenderischen Tendenzen des Art déco und wies die puristische Ästhetik auf, die in den folgenden Jahren das Design der Moderne bestimmen sollte. Ironischerweise werden inzwischen die proto-modernen Möbeldesigns aus Stahlrohr und Bugholz als Art déco-esque betrachtet, was wohl eher an der zufälligen Gleichzeitigkeit als irgendeiner Form der gemeinsamen konzeptionellen Grundlage liegt. Zusätzliche Ironie liegt darin, dass es manchmal Le Corbusier zugeschrieben wird, den Begriff Art déco geprägt zu haben, da er unter dem Titel 1925 Expo: Arts Déco eine Reihe kritischer Artikel zu der Ausstellung veröffentlicht hatte.

 

H-269 Sessel von Jindrich Halabala für UP Závody Brno (Tschechoslowakei, ca. 1930er) Foto © Davint Design, sro. Internationale Art déco Iterationen

Während der 1930er und 40er fand das Art déco Flair Anhänger auf der ganzen Welt, von Nord- und Südamerika bis nach Osteuropa, Australien und Japan. Ein berühmtes Beispiel aus der Tschechoslowakei ist Jindřich Halabala, dessen bezaubernd geschwungene Möbel momentan von Vintage Liebhabern wiederentdeckt werden. Das Gleiche gilt für den italienischen Architekten und Designer Osvaldo Borsani, der – bevor er in den 1950ern seine moderne Herstellungsfirma Tecno gründete – üppige und dekorative Einrichtungen für die Firma seines Vaters, Arredamenti Borsani Varedo, kreierte. Und kaum ein Art déco Designer ist heutzutage gefragter als die irische Designerin Eileen Gray. Ihr dramatischer Dragon’s Armchair (1917-9) wurde 2009 bei Christie’s für eine Rekordsumme von 19,4 Millionen Pfund verkauft, was ihn zum teuersten Designstück aus dem 20. Jahrhundert macht, das je bei einer Auktion verkauft wurde.

 

Das Chrysler Gebäude, Entwurf des Architekten William Van Alen für Walter P. Chrysler (USA, 1928-1930) Foto © Postdlf Art déco Fassaden in der Architektur 

Inspiriert von den sensationellen Pavillons der Ausstellung von 1925 und den ausgesprochen grafischen Motiven, die man überall finden konnte, begann sich Art déco auch in Gebäuden der Großstädte auf der ganzen Welt auszudrücken, unter anderem in Melbourne, Miami, Havanna, Rio de Janeiro und Montevideo. Sowohl in Londons U-Bahn Stationen als auch in vielen Hotels der Stadt, wie beispielsweise dem Strand Palace Hotel, lassen sich viele Beispiele für Art déco Architektur finden. Shanghai kann sich mit über fünfzig Art déco Gebäuden rühmen, die meisten von ihnen wurden von dem ungarischen Architekten Laszlo Hudec entworfen. Indonesien weist die größte erhaltene Sammlung an Art déco Gebäuden aus den 1920ern auf. Um die berühmtesten Beispiele für Art déco Architektur zu finden, muss man aber natürlich auf die New Yorker Skyline schauen. Das Empire State Building, das Chrysler Building und die Radio City Music Hall sind atemberaubende Errungenschaften des Art déco und vereinen klassische Symmetrie mit einer von Maschinen inspirierten Bildsprache. Die Fassaden und Motive der Art déco Architektur flossen ihrerseits wieder in spätere Versionen von Art déco Möbeln und Dekorationen ein.

 

  Designer Raymond Loewy umgeben von seinen Designs (USA, ca. 1934) Foto © US Library of Congress Amerikas Stromlinien Moderne 

Zwischen Mitte und Ende der 1930er Jahre entwickelte sich in Amerika eine neue Interpretation des Art déco, die häufig als Streamline-Moderne oder Stromlinien-Moderne bezeichnet wird. Dieser forsche, optimistische Stil stellte ein visuelles Gegengewicht zu der ernsten wirtschaftlichen Lage dieser Zeit dar. Jegliche Arten von Designobjekten, von Möbeln und Beleuchtung bis hin zu Staubsaugern und Radios, zeigten Spuren der dynamischen Formen der neu entstandenen Reiseindustrie: man denke an opulente Kreuzfahrtschiffe, massenproduzierte Automobile, leistungsstarke Lokomotiven, futuristische Flugzeuge und imposante Zeppeline. Zur Zeit der Weltwirtschaftskrise und den daraus resultierenden materiellen Begrenzungen machte die erste Generation berühmter amerikanischer Designer –  Walter Dorwin Teague, Raymond Loewy, Norman Bel Geddes und andere – die reduzierte aber trotzdem elegante Version des Art déco bekannt. Sie verwendeten hierfür erschwingliche Materialien wie Metall, Glas, Keramik und Zement. Und die Set Designs in Hollywood stellten sicher, dass der Art déco Look fest mit Glanz und Luxus assoziiert wurde.

 

Verfolgen Sie auch Teil 2 von All That Jazz, weil die Geschichte des Art déco nicht hier endet. Tatsächlich waren es die 1960er, die das wichtigste Jahrzehnt für das bleibende Erbe des Art décos waren, was einer Handvoll an Romantikern, Hippies und Ikonoklasten zu verdanken ist.

  • Text von

    • Rachel Miller

      Rachel Miller

      Rachel kommt aus Kalifornien, USA. Derzeit lebt sie in Berlin und macht in Literaturwissenschaften ihren Master. Wenn sie nicht gerade liest oder schreibt, ist sie auf der Suche nach Berlins bestem Craft Bier. Ihre Reiselust inspiriert sie zu großen Abenteuern an verschiedensten Orten auf der Welt sowie zuhause in ihrer Küche.

  • Übersetzung von

    • Annika Hüttmann

      Annika Hüttmann

      Annika ist umgeben von skandinavischem Design zwischen Norddeutschland und Südschweden aufgewachsen. Für ihr Literaturstudium zog sie nach Berlin und entdeckte dort ihre Leidenschaft für deutsche Vasen aus den 1950ern-70ern, von denen sie inzwischen mehr als 70 Stück besitzt.

Mehr zum Entdecken