Junge Designer, die uns 2018 inspirieren


Neue Perspektiven

Von Gretta Louw

Das neue Jahr hat bereits begonnen und je nachdem wo Sie wohnen, liegen ausgediente Weihnachtsbäume am Straßenrand, verbrauchte Feuerwerkskörper in der Tonne und Champagnerflaschen im Container. Nach alter Tradition ist jetzt die perfekt Zeit, um Bilanz zu ziehen, Pläne zu schmieden und eine neue Richtung einzuschlagen. Anstatt persönliche Vorsätze zur Selbsthilfe zu liefern, stellen wir zwei zukunftsweisende junge Designer vor, die uns optimistisch stimmen und uns dazu anregen, ab 2018 für eine bessere Welt einzustehen.

Einer der spannendsten Aspekte von Design ist seine unerschütterliche Dynamik, sich immer weiter zu entwickeln. Es geht darum, Dinge zuentwerfen, die nicht nur neu sind, sondern auch besser: Lösungen für aktuelle Problematiken zu finden und die Lebensqualität zu optimieren. Das bahnbrechende Werk der niederländischen Newcomerin Nienke Hoogvliet verkörpert diesen Ethos auf klare und einfühlsame Weise. Die Designerin machte an der Willem De Kooning Academy ihren Abschluss bevor sie 2013 ihr Designbüro in Delft eröffnete. Seitdem feiert sie internationale Erfolge mit Projekten wie SEA ME, einem bezaubernden Teppich aus Seealgen-Garn und upcycelten Fischernetzen in Grüntönen, sowie RE-SEA ME, der Ergründung von Anwedungsmöglichkeiten chemiefreiem Fischhaut-Leder, die einen filigranen Wandteppich und einen minimalistischen Hocker umfasst. Kürzlich arbeitete Hoogvliet mit den holländischen Wasserbehörden an einem erstaunlichen Projekt zusammen: Waterschatten verwendet Zellulose, die während der Wasserreinigung gewonnen wurde, um eine Serie aus Schalen, Lampen und einem beeindruckenden Esstisch herzustellen. Genauer gesagt, wurden diese Objekte aus benutztem Toilettenpapier produziert. Hoogvliets Verarbeitung von Rohmaterial zum Endprodukt hat etwas Magisches: Ihr alchemistischer Ansatz stellt keine Innovation im Sinne von einer oberflächigen Neugestaltung dar. Vielmehr wertet er stoffliche Vorgänge auf und stellt dabei die Bedeutung von Design infrage.

Hoogvliets Arbeitsweise lenkt das Augenmerk auf Umweltzerstörung, indem die Designerin nachhaltige Methoden erfindet, erforscht und unterbreitet. Diese könnten auch dazu beitragen, bereits entstandene Schäden zu beheben. „Ich denke, dass Nachhaltigkeit 2018 noch viel wichtiger werden wird,” sagt Hoogvliet voraus. „Zirkularität könnte ein Schwerpunkt werden, da der Fokus auf nur einem Nachhaltigkeitsaspekt nicht unbedingt bedeutet, dass [ein Produkt] insgesamt nachhaltig ist. Ich würde mir einen ganzheitlichen Ansatz wünschen.” Das Ziel innovativen nachhaltigen Designs muss mehr sein als Einzelstücke oder kleinere Pilotprojekte. Stattdessen brauchen wir eine umfassende Änderung unserer Einstellung, die Umweltschutzgesetze priorisiert und sich von giftigen Materialien und Prozessen abwendet. „Meine Hoffnung ist, dass diese Denkweise in allen Entwürfen einbezogen wird; dass es irgendwann etwas ganz Normales wird”, so Hoogvliet.

Mitstudierender an der WdKA Isaac Monté ist ebenso für seine experimentelle Herangehensweise im Umgang mit Materiel bekannt, auch wenn sie etwas andere Ergebnisse liefert, indem sie die der natürlichen Welt innewohnenden erhabenen Kunst betont. Der belgische Designer verbrachte viele Jahre damit, eine Reihe exotischer Techniken zu perfektionieren. In seinem Atelier in Rotterdam baut er Mineralkristalle an, formt sie und färbt sie ein. Bisher hat er diese in Schmuck, Vasen und anderen Tischdekorationen eingebaut. Die Arbeiten Montés bewegen sich ganz unbefangen zwischen Design und Kunst. Seine Crystallized Icons Serie, beispielsweise, bedient sich ikonischer Arbeiten des funktionalen, historischen Designs und ummantelt sie mit glänzenden Kristallen. Damit werden sie unbrauchbar, gleichzeitig aber wird das Einzelstück zu einem Unikat erhoben, das zum Nachdenken anregt. „Ich finde es unheimlich interessant, mit der Natur zusammen zu arbeiten”, erklärt Monté. „Ich kann die Farben und den Wachstumsprozess beeinflussen, doch das Resultat - wie das Objekt aus dem Tank erscheint - ist immer eine Überraschung für mich.” Der Designer setzt den Prozess in Gang und gibt dabei die Kontrolle ab. Jedes Stück entspringt dem Tank wie ein Schmetterling einem Kokon.
Leek Project, organische Verpackungen für Gemüse aus landwirtschaftliche Abfällen von Isaac Monté  In den letzten fünfundzwanzig Jahren ist das Interesse an bio-mimetischem Design stark gewachsen. Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen aus den 1990ern ist ein gutes, frühes Beispiel hierfür: Das Redesign der Spitze ist in seiner Form einem Eisvogel nachempfunden und soll die Geräuschkulisse drastisch reduzieren. Aber Monté und weitere junge Kreative gehen einen Schritt weiter. Der Designer verschwendet keinen Gedanken daran, ob seine Arbeit nun Kunst oder Design ist, und meint dazu ganz unverbindlich: „Vielleicht ist meine Arbeit etwas dazwischen, je nach Ergebnis.” In jedem Falls gibt Monté an, dass er sie lieber als „Bio-Kunst oder Bio-Design” bezeichnen würde. Der Schwerpunkt hat sich von reiner Naturnachahmung auf die Erschließung von Naturvorgängen verlegt, wobei diese einen gleich hohen Beitrag zur Gestaltung liefern. Schöpfer und Schöpfung fördern nun mehr Einklang mit der natürlichen Welt. Monté verrät uns, dass er seine Arbeit mit Kristallen im neuen Jahr weiterführen will und auch „andere Materialien wie Metall und Spiegelglas” verwenden und „in verschiedenen Größen” arbeiten möchte. Ein paar dieser neuen Werke wird er in den nächsten Monaten im Ambiente in Frankfurt ausstellen sowie in der Science Gallery in Dublin als auch im INDEX in Dubai.

In allen Werken dieser jungen Designer herrscht eine klare Vorstellung davon, keinesfalls in einer Blase zu arbeiten, sondern Teil eines integrierten Netzwerkes ökologischer, historischer und sozialer Einflüsse zu sein. Ihre Objekte werden durch aufwendige und arbeitsintensive experimentelle Vorgehensweisen “gezüchtet” und zeugen von Besinnung und Reflexion. Sie regen zum Nachdenken an, sind gleichzeitig frech und heiß begehrt. Hoffen wir, dass das Jahr 2018 uns allen etwas von dieser Magie übermittelt, unsere Augen für neue Denkweisen öffnet und unser Herz für die Erhaltung unseres Planeten schlagen lässt. Ganz nach den Worten Isaac Montés: „Es wird ein glänzendes Kristall-Jahr!”

 

  • Text von

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.
  • Übersetzung von

    • Jessica Hodgkiss

      Jessica Hodgkiss

      Jessica ist Cheesecake-Enthusiastin, Kunstliebhaberin und man findet sie häufig auf Flohmärkten. Außerdem liebt sie es, Zeit in Berlins wunderschönen Parks und den Seen in der Umgebung zu verbringen. Die in München geborene Übersetzerin studiert zur Zeit Kunstmanagement im Master.

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