Lokale Traditionen aus mexikanischer Schmiede sind international gefragt


Von Mexiko aus in die ganze Welt

Von Gretta Louw

Die mexikanische Designszene ist groß im Kommen – die aufregende Vorahnung, dass sich da gerade etwas ganz Großes zusammenbraut, liegt in der Luft wie elektrisches Knistern. Eine innovative Generation mexikanischer Designer*innen, Hersteller*innen und Herausgeber*innen bewegt sich in der fruchtbaren Grauzone zwischen Industrie und Handwerk.

„Anders als in Europa und den USA hat die mexikanische Industrie nie eng mit Designer*innen zusammengearbeitet, daher waren die Hauptschauplätze unserer Designgeschichte schon immer eher die Werkstätten – Handgemachtes vermischt sich mit industriellen Produktionsverfahren und lokalem Design“, erklärt Regina Pozo. Sie war gerade einmal 27 Jahre alt als sie mit ihrem Geschäftspartner, Designer Aitor Garrido, das Label ALTA Artesanía gründete. Das Duo versucht, „einfache zeitgenössische Objekte auf ganz subtile Weise noch einzigartiger zu machen. Wir haben großen Respekt vor den Entwürfen unserer Kunsthandwerker*innen und wollen nicht in ihre kreative Vision eingreifen. Aber wir geben ihnen den nötigen Ansporn und die Strukturen, ihr kreatives Potential voll auszuschöpfen.“

Es dreht sich also alles um das Handwerk. Anhänger*innen der Moderne mögen bei diesem Wort einst die Nase gerümpft haben, aber heute kann sich das Kunsthandwerk vor Interesse kaum retten. „Das Handwerk hat eigentlich einen religiösen und rituellen Hintergrund und war nicht unbedingt für den Konsum gedacht,“ fährt Pozo fort. Heute bietet die Kommerzialisierung von Handwerk mexikanischen Kommunen einen Möglichkeit, ihre Existenzgrundlage zu sichern. Vielleicht macht aber gerade die Verankerung in sakralen Traditionen die besondere Aura dieser Arbeiten aus.

Pozo erzählt, wie sie sich einmal mit einem vollgepackten Van auf Designjagd begab. „Ich war auf der Suche nach einem kleinen Banco Lechero“, erklärt sie, „Das ist ein dreibeiniger Milchschemel, den Luis Barragán für seine Casa Barragán verwendete. Und dann saß da auf einem Marktplatz in einem abgelegenen Dorf in seiner Casa Barragán hatte. In einem abgelegenen Dorf in Jalisco traf ich unerwartet mitten auf einem Marktplatz auf eine alte Gemüseverkäuferin, die auf genau so einem Hocker saß!“ Es waren einige Überredungskünste nötig, aber nachdem Pozo für bequemeren Ersatz gesorgt hatte, stimmte die Dame schließlich zu. „Ohne den Hocker wäre ich nicht wieder gefahren.“

Auch Moisés Hernández teilt die Leidenschaft für lokale Designtraditionen. Diario, sein Label für Haushaltswaren, fing als Abschlussarbeit für sein Masterstudium in Produktdesign am Schweizer ECAL an. Er wollte „Alltagsgegenstände neu gestalten“ und so „Objekte schaffen, die Leute auch wirklich nutzen“. Dem Designer war sofort klar, dass er seine Vision nur in Mexiko verwirklichen konnte. Kurz bevor er aus Lausanne wegzog, traf er sich mit dem Betreuer seiner Abschlussarbeit, Augustin Augustin Scott de Martinville – ein Treffen, das sein Unterfangen auf den Punkt bringen sollte.

„Wir einigten uns darauf, dass ich während meines Aufenthalts in Mexiko Tagebuch führen und ihm vor jedem [Online-]Gespräch alle meine Notizen schicken würde. Aber das Schreiben dieses Tagebuchs stellte sich schnell aus ziemlich schwierig heraus. Ob die Orte, die ich besuchte, die Menschen, die ich traf und selbst, was ich aß - all dies war für mein Projekt von Bedeutung.. Mir wurde klar, dass eben dieses Tagebuch der wichtigste Teil meines Projekts war: es erklärt die Welt, in der diese Objekte existieren – und warum sie das tun.“ In den reduzierten, minimalistischen und handgemachten Produkten von Diario spiegelt sich die Firmenphilosophie des Designers klar wider: “Traditionen sollen respektiert, Objekte aber gleichzeitig auf ihre inneren Kern vereinfacht werden. Überflüssiges wird entfernt, damit ihre individuellen Stärken voll zur Geltung kommen können.“

Auch Paulina Hassey von Galería ADN – eine echte Größe in der Designszene Mexikos – verbindet Traditionelles mit Zeitlosem. Gemeinsam mit ihrem Partner Paulo Peña kuratiert sie Möbel, Design und Kunst, die das gesamte Spektrum von Mexikos Stilrichtungen abdecken und verschiedene Regionen genauso wie Epochen vertreten. „Authentizität steht immer an erster Stelle“, erklärt sie. „Wir lieben Materialien, die schön altern und den Lauf der Zeit überdauern. Wir sammeln Design für Menschen mit Liebe zum Detail, die eine Holzart von der anderen unterscheiden können und den inneren Wert einer jeden Arbeit sofort erkennen.“

Mittlerweile besteht die Galerie schon seit zehn Jahren – zunächst unter dem Namen Segundo Aire in winzigen Räumlichkeiten im lebhaften Barrio Colonia Roma und seit 2009 als Galería ADN in ihrem aktuellen, größeren Quartier in Polanco. Zwar mag Hassey in der mexikanischen Galerieszene als Veteranin gelten, an den Pioniergeist in der Gründungsphase erinnert sie sich aber noch allzu gut. “Wir waren pleite und hatten absolut keinen Plan“, erzählt sie, „aber uns verband die Liebe für schöne Dinge.“ Das Handwerk ist für ADN heute wichtiger denn je. „Wir arbeiten mit vielen Designer*innen zusammen, die zwar nicht aus Mexiko stammen, das Land aber zu ihrer Wahlheimat gemacht haben, weil sie die herausragende handwerkliche Tradition zu schätzen wissen. Es gibt in Mexiko zum Beispiel ganze Dörfer, die sich ausschließlich dem Weben widmen, und deren Familien diese Kunst schon seit Jahrhunderten praktizieren.

Das Studio von Trine Ellitsgaard in Oaxaca Foto © Marcel Rius Baron für L'AB/Pamono Die fast lyrischen Textilien von Trine Ellitsgaard sind der beste Beweis dafür. Die dänische Künstlerin lebt nun schon seit über zwanzig Jahren in Oaxaca. Der Staat im Südwesten Mexikos ist nicht nur für seine beeindruckenden rauen Naturkulissen bekannt, sondern auch für das reiche kulturelle Erbe seiner indigenen Bevölkerung. Mit ihrem Webstuhl verknüpft Ellitsgaard wortwörtlich die kühle Nüchternheit ihrer skandinavischen Vergangenheit mit den für internationale Augen ungewöhnlichen, rohen Materialien und Einflüssen ihrer Gegenwart in Oaxaca. Sie arbeitet eng mit der webenden Gemeinde in Teotitlán del Valle zusammen und hält die über Jahrhunderte vervielfältigte Expertise der Region für entscheidend. „Wenn man seine Arbeit perfekt beherrscht, braucht man andere nicht nachzuahmen. Das gibt einem gewisse Freiheiten und Interpretationsspielraum – und so entstehen letztendlich einzigartige Kreationen.“

Ist es also an der Zeit, von einer mexikanischen Designidentität sprechen, so wie man zum Beispiel von einer skandinavischen Designästhetik spricht? Laut Hernández auf keinen Fall: „Im Design spiegelt sich immer eine bestimmte Gesellschaft wider. Die mexikanische Gesellschaft ist unheimlich facettenreich – also ist es das mexikanische Design auch. Ich denke nicht, dass mexikanische Designer*innen ähnlich synchron geschaltet sind.“ Angesichts der faszinierenden Vielfalt der Arbeiten, die momentan aus Mexiko zu uns kommen – von ALTA Artesanías überschwänglichem Alebrije Chair bis hin zu Diarios nüchternem Gradient Blue Tablecloth – können wir uns darüber nur freuen.


* Noch mehr wunderschöne Arbeiten aus Mexiko gibt es bei PecaBi YuuColectivo 1050° und Gala Fernándezzu sehen.

  • Text von

    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.
  • Übersetzung von

    • Hanna Komornitzyk

      Hanna Komornitzyk

      In ihrer Freizeit widmet sich Hanna den neusten US-Serien, langen Laufrunden an der Spree und dem kulturellen Leben Berlins. Ihre erste große Liebe war die Kunst, dicht gefolgt von SciFi und Arthouse-Filmen, Indie und Alternative, Bauhaus und Grafikdesign. Neben dem Übersetzen findet sie Entspannung vor allem im Web, wo sie stundenlang imaginäre Wohnräume mit minimalistischer, leicht verträumter Designerware einrichtet. Hanna ist in der westfälischen Provinz aufgewachsen und kam für einen Master in English Studies nach Berlin.

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