Wie sich Designer Philippe Cramer in der Welt des Luxus-Designs etablierte


Beständigkeit statt Hype

Von Gretta Louw

Philippe Cramers Design Ästhetik zeichnet sich durch Schlichtheit und makellose Produktion aus. Statt kurzlebigen Trends zu folgen, stellt er zeitlose Designs her. Er überstürzt nichts. Selbst seine Experimente mit neuen Materialien und Formen führen zu Designs, in denen man die Reife seiner Designsprache klar erkennt. „Ich strenge mich nicht besonders an, relevant für die jetzige Zeit zu sein“ erklärt Cramer. „Ich arbeite mit meinen Instinkten und bleibe so nah wie möglich an meinen Gefühlen und meinem Innenleben.“ Das mag vielleicht etwas gleichgültig klingen, in Wirklichkeit zeigt sich hier jedoch, wie wichtig kreative Unabhängigkeit für Cramer ist. Sich diese zu bewahren, hat sich für ihn ausgezahlt. Die Designbranche tendiert dazu, den neuesten Shootingstar in den Himmel zu loben. Dadurch rücken leisere, fortwährende Leistungen leicht in den Hintergrund. Der talentierte schweizerisch-amerikanische Designer hat es dennoch geschafft, sich einen festen Platz in der Welt des Luxus-Designs zu sichern.

Cramer wurde 1970 in New York geboren und wuchs in Genf auf. Nachdem er in den späten 1990ern sein Studium an der Parson’s School of Design in New York mit einem Bachelor of Fine Arts abgeschlossen hatte, kehrte er nach Genf zurück. 2001 gründete er sein Designbüro Cramer & Cramer, welches 2003 um eine Galerie im Quartier des Bains, dem Kunstbezirk Genfs, erweitert wurde. Als künstlerischer Leiter des Unternehmens entwirft Cramer Möbel-, Porzellan-, Tafelsilber- und Schmuckkollektionen, sowohl unter der nach ihm benannten Marke als auch in Zusammenarbeit mit hochrangigen Kunden wie Dom Pérignon, Georg Jensen und Bernhardt Design. Letztere veröffentlichten 2005 mit der Philippe Cramer Collection die erste Möbellinie des Designers für den US-Markt.

Es überrascht etwas, dass Cramer, dessen Arbeiten so ausgewählt und perfekt gearbeitet sind, ein ausgeprägter Freigeist ist. Er meidet große kommerzielle Designmessen, bei denen nur wenig Raum für Nuancen bleibt, während leicht verdauliche Trends stark im Mittelpunkt stehen. Er behauptet beispielsweise, schon seit Jahren nicht mehr die Salone del Mobile besucht zu haben. „Es ist schwer, unabhängig zu denken, wenn wir mit schönen Bildern perfekt gestylter Produkte in angeordneten Einrichtungen bombardiert werden,“ erklärt er. Er hält wenig von Trends, da der Hype einen zu großen Einfluss ausübt und dazu führt, dass man „den Bezug zu seinen Instinkten verliert.“

Tatsächlich hat Cramers Ansatz häufig mehr mit den bildenden Künsten als mit Produktdesign gemeinsam. Seine Ideen beginnen als Kritzeleien, die er dann mit der Zeit zu Skizzen ausarbeitet. Hieraus entstehen neue Stücke mit einer großen visuellen Wirkung, die meistens für den Sammlermarkt produziert werden. „Ich lasse mich von meiner Hand führen“ sagt Cramer. 2010 bekam er vom angesehenen Genfer Kunstmuseum Musée d’art et d’histoire die einzigartige Gelegenheit, etwas für den Salon de Cartigny - ein prunkvoll neu eröffneter Raum des Museums für angewandte Kunst des 18. und 19. Jahrhunderts – zu kreieren. Das Resultat war L’Ornament Jamais, eine Ausstellung von Cramers maßgefertigter Kollektion aus gekalkten Holzmöbeln mit goldenen Akzenten. Die Möbel sind eine eindrucksvoll leichte und moderne Neuinterpretation archetypischer Designs der Epoche und befinden sich inzwischen in der ständigen Sammlung des Museums.

Cramers Arbeitsweise hat sehr persönliche Aspekte und ist von etwas durchdrungen, das für den Designer wesentlich ist: Seine Wurzeln. Golden Landscapes (2012) zum Beispiel, eine Serie einzigartiger handgefertigter Tapisserien, zeigt deutlich Anklänge seiner schweizer Heimat; detailliert, liebevoll und brilliant ausgedrückt. Ebenso verhält es sich mit dem Rorschach Schrank (2012), dessen gekalkte Esche und Blattgold wie das von verschneiten Bergspitzen reflektierende Sonnenlicht leuchten. Cramers Stücke strahlen in gebrochenem Licht. Die Verwendung spiegelnder Oberflächen ist eine bewusste Methode, um „mir dabei zu helfen, meine Vision einer positiven und glücklichen Umgebung zu kreieren.“ Er sieht seine Arbeiten als „Gegengift-Design“, von dem er hofft, dass es etwas dazu beitragen kann, dem Stress des modernen Lebens entgegen zu wirken.

Cramer's L’Ornament Jamais exhibition at the Salon de Cartigny, Geneva Museum of Art & History Photo © Cramer + Cramer  Während Cramer seinen ganz eigenen Weg gefunden hat - immer einen Schritt außerhalb des Mainstreams - hat er sich stetige Aufträge der ehrwürdigsten Designmarken gesichert. Cramer verrät, dass er vor kurzem eine neue Zusammenarbeit mit der Hermès Gruppe begonnen hat und für die Petit H Linie des Unternehmens entwirft. Petit H ist eine experimentelle Abteilung unter der Leitung von Pascale Mussard, für welche unabhängige Designer damit beauftragt werden, ausrangierte Materialien zu upcyceln. Cramer, der Wohnaccessoires, Möbel und Schmuck für die Kollektion entwirft, beschreibt das Projekt als Kombination von Design und Handwerk, für das „spektakuläre Materialien, die sonst im Müll gelandet wären“ verwendet werden. „Es ist umwerfend“ sagt er begeistert und fügt hinzu: „Ich wünschte, alle Luxusunternehmen würden das machen.“ Cramer steckt momentan außerdem mitten in den Vorbereitungen für eine ARTGenève Ausstellung, bei der er seine jüngsten Arbeiten erstmals in einem Kunst-Zusammenhang zeigen wird. Der Designer hofft, dass „alle Kunstmessen Design bald zu einem wesentlichen Bestandteil ihres Programms machen werden, um zu zeigen, dass Kreation eins ist und nicht unterteilt werden muss“. Wir werden Cramers Designs ganz sicher im Auge behalten und beobachten, wohin ihn seine Beständigkeit und Inspiration als nächstes führen.

 

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    • Gretta Louw

      Gretta Louw

      Die multidisziplinäre australische Künstlerin Gretta wurde in Südafrika geboren und lebt zurzeit in Deutschland. Sie ist Sprachenthusiastin und Weltenbummlerin, hat einen Abschluss in Psychologie und eine große Vorliebe für die Avantgarde.

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