Sechs ikonische Designs von Marco Zanuso


Zwischen Vernunft und Gefühl

Von Wava Carpenter

Zwischen den 1940ern und den 1970ern, als die Moderne in voller Blüte stand, schrieb der italienische Meister Marco Zanuso (1916—2001) mit seinen vielen materiellen und technischen Innovationen Designgeschichte. Er war der erste, der Schaumgummi als Möbelpolsterung verwendete und entwarf außerdem den ersten Stuhl, der komplett aus Kunststoff-Spritzguss bestand. Viele von Zanusos großen Werken beschäftigen sich mit der Frage, wie der Design-Beruf in der Praxis funktioniert. Aber Zanuso optimierte nicht nur industrielle Prozesse durch clevere Details, sondern besaß außerdem ein unübersehbares, unglaubliches Gespür für Formen. Er entwarf ein Stück nach dem anderen, das durch perfekte Balance zwischen Rationalismus und Sinnlichkeit glänzte.

Um Ihre Kenntnisse über Design etwas aufzufrischen, haben wir eine Liste an sechs Designs zusammengestellt, mit denen sich Zanuso einen zentralen Platz in der italienischen Designgeschichte sicherte:

 

Marco Zanusos Beitrag für den Wettbewerb für preiswerte Möbel des MoMA Foto © Archivio del Moderno Marco Zanusos Lady Sessel für Arflex (1951) Foto © Arflex Museum Lambda Stuhl von Zanuso & Sapper für Gavina (1960-64) Foto © Richard Sapper K4999 Kinderstuhl von Zanuso & Sapper für Kartell (1960-64) Foto © Richard Sapper Grillo Telefon von Zanuso & Sapper für Siemens (1966) Foto © Richard Sapper Mobile Housing Unit von Zanuso & Sapper für MoMA (1972) Foto © Richard Sapper Sessel für den internationalen Wettbewerb für preiswerte Möbel des MoMA (1948)

Eines von Zanusos ersten Projekten und zugleich sein erster Auftritt auf der internationalen Bühne war sein Beitrag für den internationalen Wettbewerb für preiswerte Möbel des Museum of Modern Art 1948 in Form eines Sessels. Dieser Sessel umfasste ein mechanisches Verbindungssystem - eine Erfindung Zanusos - bei dem ein schlanker und kräftiger Rahmen aus Stahlrohr einen schwebenden „Kegel“ mit Stoff als Sitzfläche trägt. Darüber hinaus verfügt der Sessel über ein eingebautes Leselicht und einen Getränkehalter. Obwohl er den Wettbewerb an Designgrößen wie Charles Eames und Robin Day verlor, ließ Zanusos erfinderischer biomorpher Sessel seine lebenslange Leidenschaft erahnen, stets neue Lösungen für Konstruktionstechniken und Materialverwendung zu finden.

Lady Sessel für Arflex (1951)

Nachdem Zanuso für seine Teilnahme an der MoMA Ausstellung viel Beifall erhalten hatte, sprach ihn das Reifenunternehmen Pirelli an, für ihr neu entwickeltes Schaumgummi-Material innovative Anwendungen zu finden. Zunächst sollte es in Autositzen zum Einsatz kommen, doch Zanuso stellte sich eine Umsetzung für Wohnmöbel vor. Zanuso schrieb später in seinem 1983er Essay ‚Design and Society’: „Zahlreiche Experimente machten deutlich, dass die Auswirkungen für den Bereich der Polstermöbel enorm waren. Es würde nicht nur Polstersysteme revolutionieren, sondern zudem die Möglichkeiten bezüglich der Struktur, der Herstellung und der Form. Da die Prototypen aufregende neue Formen annahmen, wurde ein Unternehmen gegründet, um diese Modelle, darunter auch der Lady Sessel, in einem vorher undenkbaren industriellen Ausmaß zu produzieren.“ Das Unternehmen, zu dessen Gründung Zanuso beitrug, war Arflex, eines der ersten Unternehmen Italiens, das Möbel auf industrieller Ebene produzierte. Sein zeitlos charmanter, wundervoll kurviger Lady Sessel wurde 1951 mit dem Compasso d’Oro Preis auf der Triennale di Milano ausgezeichnet und ist bis heute sehr beliebt, sowohl als aktuell erzeugte Neuproduktion als auch als Vintage-Klassiker aus dem letzten Jahrhundert.

 

Lambda Stuhl für Gavina (1959-1964)

Obwohl er stets sehr darauf bedacht war, von Anfang bis Ende die Kontrolle über seine Projekte zu behalten, scheute sich Zanuso nicht vor Zusammenarbeiten. Seine berühmteste Kollaboration war die 1957 begonnene, zwei Jahrzehnte andauernde Partnerschaft mit dem deutschen Designer Richard Sapper. Die beiden Designer kreierten gemeinsam ikonische Arbeiten des italienischen Industriedesigns des 20. Jahrhunderts. Eine dieser Ikonen ist der täuschend einfache, stabile, aber dennoch elegante Lambda Stuhl. Bevor das Endprodukt 1964 von Gavina produziert wurde, hatten Zanuso und Sapper jahrelang mit Materialien experimentiert, bis sie sich für einen stark vereinfachten Herstellungsprozess entschieden, der aus der Automobilindustrie stammt. Dieser Prozess sieht die Ausstanzung, Punktschweißung und Sprühlasierug von Metallblech vor. Der Lambda bewies, dass High-Tech auch im Wohnbereich sehr gefragt war. Die Forschung für diesen Stuhl führte außerdem zu einer weiteren Ikone von Zanuso und Sapper: dem Modell K4999 Kinderstuhl.

K4999 Kinderstuhl für Kartell (1960-64)

Zanusos international erfolgreichstes Design, der K4999 für Kartell ist gleichzeitig das beste Beispiel für seinen ganzheitlichen, forschungsbasierten Ansatz. In ‚Design and Society’ berichtet er von dem Entstehungsprozess, der von dem Lambda zum K4999 führte. Hier wird deutlich, wie akribisch er war: „Für die formalen und strukturellen Implikationen dieses Konzeptes... benötigte es mehr als 50 Prototypen, um sie für die industrielle Produktion vorzubereiten... Aber selbst an diesem Punkt, gingen die Forschungsarbeiten in unserem Büro weiter. Im Zusammenhang mit einem Auftrag, Schulmöbel für die Stadt Mailand zu entwickeln, hatten wir für Grundschulen bereits mit einer verkleinerten, stapelbaren Version des Lambda experimentiert. Da Metallblech für diese Anwendung nicht geeignet war, suchten wir nach Alternativen zu diesem Material. Währenddessen sank der Preis für Polyethylen aufgrund des Auslaufens internationaler Patente, was völlig neue Möglichkeiten für uns eröffnete. Dieses neue Material führte zu einem Umdenken unsererseits hinsichtlich Form und Struktur des Stuhls, was natürlich wiederum mehr Forschung mit sich brachte. Das Endresultat, der Kinderstuhl, überraschte sogar uns: aufgrund der unterschiedlichen Möglichkeiten des Stapelns, die wir in Folge der Strukturanforderungen entwickelten und die sich aus der Verwendung des Polyethylens ergaben, hatten wir einen Stuhl entworfen, der auch ein Spielzeug war. Er regte die Fantasie von Kindern an, Burgen, Türme, Züge und Rutschen zu bauen. Gleichzeitig war er unzerstörbar - weich genug, um niemanden zu verletzen und trotzdem zu schwer, um geworfen zu werden.“ Dieser Stuhl war die erste bautechnische Anwendung von Polyethylenkunststoff in der Möbelindustrie.

Klappbares Grillo Telefon für Siemens (1966)

Das von Zanuso und Sapper entworfene Grillo Telefon wurde zum Symbol der italienischen Moderne der Nachkriegszeit. Benannt wurde es nach dem „Grillen“-Geräusch, das beim Klingeln ertönt. Aber damit hat sich die unterhaltsame tierische Note noch nicht. Wird das Telefon nicht verwendet, kann es zusammengeklappt werden und ähnelt dabei einem Tier, das sich in sein kompaktes, schützendes Gehäuse zurückzieht. Die interaktiven Teile - Wählscheibe, Lautsprecher und Mikrofon - werden erst enthüllt, wenn das Telefon geöffnet ist. Ältere Telefon-Designs trennten Hörer und Telefongabel voneinander, aber der Grillo enthält alles in einem einzigen Korpus, dabei sorgt ein langes Kabel an einem Ende für bessere Mobilität. Obwohl es außerhalb von Italien nicht besonders bekannt ist, gilt Zanusos und Sappers Grillo bei Telefondesignern (ja, Jony Ives, wir meinen dich) als ein einflussreicher Schritt im Design in Richtung Mobiltelefone.

Mobile Wohneinheit, Prototyp für MoMAs Italy: The New Domestic Landscape (1972)

Lange bevor alle von „Tiny Houses" und „Micro Homes" sprachen, entwickelten Zanuso und Sapper gemeinsam ihre durchdachten Habitation Units, die erstmals bei der bahnbrechenden Ausstellung New Domestic Landscape 1972 im MoMA gezeigt wurden. Mit einem Schiffscontainer als Ausgangspunkt, war dieses Design ein Experiment bezüglich „kompletten und voll ausgestatteten Wohnens, leicht zu transportieren und sofort einsatzbereit.“ Es richtet sich vor allem an Gemeinschaften, die aufgrund temporärer, großangelegter Bauvorhaben entstehen, Gebiete, die von einer Katastrophe betroffen sind und anderen Orten in unsicherer natürlicher Umgebung. Obwohl das Projekt nie über den Prototyp hinausging, ist sein Einfluss deutlich. Die Bilder, die von der Ausstellung 1972 überlebt haben, sehen genauso aktuell aus, wie alles, was dieses Jahr in den Magazinen Dwell und Wallpaper zu sehen ist.




Diese Story ist ein bearbeiteter Auszug aus einem Essay im Kinder Journal, das von den Kinderdesign-Experten des Kinder Modern in New York veröffentlicht wurde. Besuchen Sie Kinder Journal, um faszinierende und charmante Geschichten über Kinder-fokussiertes Design zu entdecken - aus der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

 

 

 

  • Text von

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.
  • Übersetzung von

    • Annika Hüttmann

      Annika Hüttmann

      Annika ist umgeben von skandinavischem Design zwischen Norddeutschland und Südschweden aufgewachsen. Für ihr Literaturstudium zog sie nach Berlin und entdeckte dort ihre Leidenschaft für deutsche Vasen aus den 1950ern-70ern, von denen sie inzwischen mehr als 70 Stück besitzt.

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