Die Ursprünge des minimalistischen Designs


Das Wesentliche

Von Wava Carpenter

In seiner revolutionären Abhandlung Ornament und Verbrechen von 1908 kam der österreichisch-tschechische Architekt Adolf Loos zu einer harten aber vorausschauenden Erkenntnis: „Evolution der Kultur ist gleichbedeutend mit dem Entfernen des Ornaments aus dem Gebrauchsgegenstande.“ Er wandte sich entschieden gegen die stark verzierten Ausschmückungen, die der Jugendstil zu dieser Zeit hervorbrachte, und stellte die Behauptung auf, dass Menschen mit gehobenen Ansprüchen und einem raffinierten Sinn Möbel und Haushaltsgegenstände bevorzugen, die sich durch schlichte Oberflächen und ehrliche Materialien auszeichen – also eben das, was erst viel später als minimalistische Ästhetik bezeichnet werden sollte.

Heutzutage geht es in Fragen des Geschmacks natürlich etwas demokratischer zu und es ist durchaus legitim, Barockes und Spartanisches gleichermaßen zu schätzen. Alle, die es extrem reduziert mögen, können im Folgenden erfahren, wie die Meilensteine der Geschichte des minimalistischen Designs zu Inspirationsquellen für die Gegenwart werden können.

 

Die Kunstbewegung der 1960er Die Wohnung des minimalistischen Künstlers Donald Judd in Soho, New York, 1960er Foto © James Ewing; mit freundlicher Genehmigung von der Judd Foundation

Der Begriff Minimalismus wurde in den 1960ern durch die in New York entstandene Minimal Art Bewegung geprägt, der wir die platonisch-geometrischen Werke von Robert Morris, Sol LeWitt, Frank Stella und anderen verdanken. Tatsächlich entwarfen viele minimalistische Künstler*innen Skulpturen, die von den klaren Formen modernen Designs inspiriert waren.

Donald Judd, eine Koryphäe in der minimalistischen Kunst, richtete sein Loft in Manhattan sparsam mit selbst entworfenen, geradlinigen Möbelstücken aus rohem Sperrholz ein und kombinierte diese mit modernen Klassikern von Alvar Aalto, Gerrit Rietveld und Thonet. Seit dieser Epoche wird der Begriff Minimalismus für alle Objekte und Einrichtungen verwendet, die sich durch eine bewusst reduzierte Formensprache auszeichnen. Noch heute zählen bewährte Designs und pure Funktionalität anstelle von ausgefallenen Formen zu wesentlichen Bestandteilen minimalistischer Innenarchitektur.

 

Vom Bauhaus lernen Meister des Bauhaus Marcel Breuer & Bruno Weil für Thonet, 1930er Foto © MODERN XX/ Galerie Modern Design Berlin

Bevor Minimalismus sich als solcher benannt wurde, sprach sich bereits in den 1920ern die Bauhaus Schule in Weimar für Entwürfe aus, die so wenig Material wie möglich verwendeten. Marcel BreuerMart Stam und ihre Kollegen setzten sich dieses Ziel aus mehreren praktischen Gründen: es sollte die Herstellung günstiger, die Beweglichkeit besser und die Reinigung einfacher machen.

Mit der Zeit wurde die reduzierte Bauhaus-Ästhetik an sich zum Ziel. Die Freischwinger und Gestelle aus gebogenem Stahlrohr nehmen weniger Platz ein, und  Minimalisten lieben die Leichtigkeit der Volumen, die in einem Interieur mit viel Leerraum entstehen. Minimalistische Einrichtungen zeichnen sich nicht nur durch reduzierte Formen, sondern auch durch eine geringere Anzahl von Objekten im Allgemeinen aus.

 

Weniger ist mehr (aber Gott steckt im Detail) Das Farnsworth House im Minimal-Lux-Stil von Ludwig Mies van der Rohe, 1945 Foto © FarnsworthHouse.org

Der berühmte Spruch „weniger ist mehr“ wird meistens auf den deutsch-amerikanischen Meister des Midcenturys, Ludwig Mies van der Rohe, zurückgeführt – auch wenn manche annehmen, dass er eigentlich von seinem Mentor, dem deutschen Designer Peter Behrens, stammt. Die Aussage bringt den Minimalismus so treffend auf den Punkt, dass man schnell denken könnte, Mies van der Rohe hätte schlichtes Design bevorzugt. Tatsächlich ist aber das genaue Gegenteil der Fall.

Da wäre zum Beispiel sein legendärer Barcelona Chair (1929): dessen eleganten Linien mögen zwar reduziert sein, doch die Herstellung war nicht minder teuer. Die gesteppten, mit Leder bezogenen Kissen waren für Königshäuser gedacht (speziell das spanische Königspaar). In Mies van der Rohes Inneneinrichtungen finden sich meist wenige Möbel, aber er verwendete oft luxuriöse Materialien wie Marmor, Travertin und exotische Holzarten. Nicht umsonst stammt der Spruch „Gott steckt im Detail“ ebenfalls von ihm. Wenn die Anzahl der Objekte begrenzt ist, trägt jedes einzelne umso mehr zur Gesamtwirkung bei.

 

Weniger, dafür besser Dieter Rams 620 Chair Program für Vitsoe, 1962 Foto © Vitsoe

Einer der beliebtesten Minimalisten ist der deutsche Designer Dieter Rams. Er gilt als Meister des durchdachten Designs und Designbegeisterte bestätigen fast einstimmig seine Unfehlbarkeit. In seinen Zehn Thesen für gutes Design schrieb er: „Gutes Design ist so wenig Design wie möglich. Weniger Design ist mehr, konzentriert es sich doch auf das Wesentliche, statt die Produkte mit Überflüssigem zu befrachten. Zurück zum Puren, zum Einfachen!“

Rams hebt hier hervor, dass ein minimalistisches Interieur guter Planung bedarf und man sich im Vorhinein Gedanken darüber machen sollte, wie man lebt und wie man im Alltag fühlen möchte. An dieser Stelle noch ein Tipp für alle, die Minimalismus-Profis werden wollen: damit Objekte lange halten, sind hochwertige Materialien und Verarbeitungenverfahren entscheidend.

 

Der Minimalismus wird nicht durch das definiert, was fehlt, sondern durch die Richtigkeit und die Fülle der Erfahrung und Wahrnehmung dessen, was präsent ist.

Shiro Kuramatas Glass Chair (1976) & Issey Miyake Shop in Ginza (1983) Foto © Phaidon

Monochrom, durchsichtig, einheitlich

Der japanische Designer Shiro Kuramata wurde in der Hochphase von Memphis in den 1980ern weltberühmt. Er trug entscheidend zu Memphis bei und hatte doch sein ganz eigenes Bild der Postmoderne. Statt in der rebellischen Ästhetik der Epoche aufzugreifen, entwarf Kuramata Objekte, die zu verschwinden schienen. Er verwendete transparentes Glas und Acryl oder setzte bei Inneneinrichtungen dieselben Materialien für unterschiedliche Oberflächen im Raum ein.

 

„Es soll so aussehen, als würden meine Objekte ohne Halterungen frei in der Luft schweben... Mich interessieren transparente Materialien, weil Transparenz an keinen Ort gebunden ist und trotzdem überall existiert“, so Kuramata. Nichts gibt einer Einrichtung so sehr das gewisse minimalistische Etwas wie stark reduzierte Farben und Materialien.

 

Die puristischen Freuden der 1990er Baron House von John Pawson, ca. 2000 Foto © Jens Weber; mit freundlicher Genehmigung von John Pawson

In den 1990ern wurde eine ganze Generation von minimalistischen Architekten berühmt, Peter Zumthor, John Pawson, Naoto Fukasawa, Tadao AndoJasper MorrisonMaarten van Severen und andere, die sich auf ihre jeweils eigene Art gegen die Exzesse der Designindustrie im späten 20. Jahrhundert reagierten. Sie alle strebten eine einfache Lebensweise an und versuchten gleichzeitig, alles Unnötige zu verbannen und sich auf das Wesentliche zu konzentrieren.

Es ging hierbei aber nicht darum, Freude aus dem Leben zu streichen, wie Parson verdeutlichte: „Der Minimalismus ist keine Architektur der Entsagung, der Entbehrung oder des Verzichts; sie wird nicht durch das definiert, was fehlt, sondern durch die Richtigkeit und vollendete Wahrnehmung der vorhandenen Dinge.“ Man sollte sich also auf das konzentrieren, was glücklich macht und das eigene Leben erleichtert. Der Rest kann in die Tonne.

 

Das Streben nach dem Supernormalen Supernormale Designs im Jasper Morrison Shop in London Foto © Jasper Morrison

Im 21. Jahrhundert entwickelten Morrison und Fukasawa das Konzept des Supernormalen – damit waren alltägliche Designs gemeint, die außergewöhnlich gut funktionieren und durch die unsere täglichen Aufgaben angenehmer werden, insbesondere Objekte, die eigentlich sehr unauffällig und zurückhaltend sind.

 

„Die Objekte, die unser Leben konkret positiv verändern, sind häufig jene, die uns gar nicht bewusst auffallen. Sie sind eine Bereicherung für unser Zuhause und es sind die Objekte, die uns am meisten fehlen würden, wenn sie plötzlich nicht mehr da wären. Aus diesem Grund sind sie super normal“, erklärt Morrison. Die minimalistische Lebensphilosophie beruht darauf, dass die wenigen Dinge, die man besitzt, ihre Aufgaben perfekt erfüllen.

 

!-Momente schaffen Thin Black Lines Kollektion von Nendo, 2010 Foto © Nendo

Oki Satos japanisches Studio Nendo sorgte zu Beginn des 21. Jahrhunderts für einiges Aufsehen in der internationalen Designszene und ist auch heute noch weltweit gefragt. Wie zuvor Kuramata setzt auch Sato mit Vorliebe monochrome Farbpaletten, reduzierte Formen und sogar Transparenz ein – mit beeindruckenden Ergebnissen. Sato möchte den Menschen so nach eigener Aussage „einen kleinen !-Moment schenken.“

Das stellt Nendos formschöne Thin Black Lines Kollektion bestens unter Beweis. Mit nichts außer schwarz emaillierten Stahlstangen – ein bewährtes minimalistisches Material – machte Nendos Kollektion Kritiker*innen und Sammler*innen gleichermaßen sprachlos. „Meine Entwürfe sollen sehr schlicht sein, ohne dabei kühl zu wirken. Eine kleine Prise Humor oder Freundlichkeit darf nie fehlen.“

Die Prinzipien des Minimalismus beruhen zwar auf ernsten Richtlinien – schlichte Formen, reduzierte Farbpaletten, kein Abfall und viel offener Raum – der Spaß soll dabei aber nicht verloren gehen.

 

  • Text von

    • Wava Carpenter

      Wava Carpenter

      Seit ihrem Studium in Designgeschichte an der Parsons School of Design hatte Wava schon in vielen Bereichen der Designkultur den Hut auf: sie lehrte Designwissenschaft, kuratierte Ausstellungen, überwachte Auftragsarbeiten, organisierte Vorträge, schrieb Artikel und erledigte alle möglichen Aufgaben bei Design Miami. Wava lässt den Hut aber im Büro – auf der Straße bevorzugt sie ihre Sonnenbrille.
  • Text von

    • Órlaith Moore

      Órlaith Moore

      Originally from Ireland, Órlaith studied French and history, and inevitably fell in love with architecture and design while working as a tour guide on the Eiffel Tower. Since moving to Berlin, she’s committed to creating a beautiful, encyclopedic guide of vintage designers for Pamono, mastering the complexities of German grammar, and discovering every Biergarten in the city. 

  • Übersetzung von

    • Annika Hüttmann

      Annika Hüttmann

      Annika ist umgeben von skandinavischem Design zwischen Norddeutschland und Südschweden aufgewachsen. Für ihr Literaturstudium zog sie nach Berlin und entdeckte dort ihre Leidenschaft für deutsche Vasen aus den 1950ern-70ern, von denen sie inzwischen mehr als 70 Stück besitzt.

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