Gloria Sormani verewigt ihren Vater in der Ruhmeshalle des Designs


Ehre, wem Ehre gebührt

Von Veronique Schuermans

Es ist Donnerstagmorgen, vor der Eröffnung des Salone del Mobile, und Gloria Sormani und ich sind auf dem Weg in die kleine Stadt Arosio in der Lombardei. Hier befindet sich das erste Lagerhaus der zukunftsweisenden italienischen Möbelmanufaktur von Glorias Familie. Auf den ersten Blick steht das hohe Gebäude mit der verfallenen, rötlichen Tür im Innenhof im krassen Gegensatz zu den Restaurierungsarbeiten an den wertvollen Designs von Sormani aus dem 20. Jahrhundert, die Gloria acht Monate lang beschäftigten.

Glorias Vater, der Designer Luigi Sormani (1932-2017), gründete 1961 das nach ihm benannte Möbelunternehmen in Arosio mit dem Ziel, modernisierte Produktionstechniken zu nutzen. Er schwörte den traditionellen, handwerklichen Techniken und Materialien Italiens ab, um sich importiertem Rio-Palisander, glänzend lackierten Oberflächen und letztendlich auch Hochleistungs-Kunststoff und Aluminium zu widmen und sich schließlich die fortschrittliche Bildsprache des Space Age anzueignen. In den folgenden 20 Jahren sicherte sich Sormani einen Platz in der Designgeschichte, oft durch die Zusammenarbeit mit visionären italienischen Design-Ikonen wie  Joe Colombo, Carlo De Carli , De Pas-D’Urbino-Lomazzi, Gio Ponti, Studio A.R.D.I.T.I. , Claudio Salocchi und vielen anderen.

Luigi Sormani war einer der ersten Unternehmer für Design, der die Bedeutung einer weltweiten Vermarktung des Markenzeichens "Made in Italy" erkannte. In den 1960ern wirkte er aktiv bei Federlegno, dem offiziellen italienischen Verband der Möbelbauer, mit. Er ermutigte italienische Unternehmen dazu, einen bleibenden Eindruck auf internationalen Messen zu hinterlassen, so zum Beispiel auf der internationalen Einrichtungsmesse IMM Cologne, auf dem Salon du Meuble in Paris, auf der European Living Art Ausstellung in Japan und selbstverständlich auf dem damals neu gegründeten Salone del Mobile in Mailand. Heute ist Sormanis Nachlass in Museumssammlungen auf der ganzen Welt zu finden, vom MoMA New York bis zum National Museum of Art in Kyoto, sowie als Abbildungen in Büchern über Designgeschichte, die die italienischen Design-Ikonen der 1960er, 1970er und 1980er Jahre porträtieren.

Nach dem Tod von Luigi Sormani im vergangenen Jahr überlegte Gloria lange, wie sie den Einfluss ihres Vaters auf die Designwelt würdigen könnte. Sie bedauert, dass viele von Sormanis Zeitgenossen, wie Cassina, B&B ItaliaKartell und Artemide heute sehr bekannt und respektiert sind, während sich nur noch echte Designkenner*innen an das Unternehmen ihrer Familie erinnern. Dann kam ihr die Idee, es sich zur Aufgabe zu machen, Sormanis verlorene Geschichte wieder aufleben zu lassen, indem sie die Privatsammlung ihrer Familie restauriert und ausstellt. Gloria lud mich ein, mir ihre bisherigen Fortschritte in diesem Unterfangen anzusehen.

 

Dank Luigi Sormanis Entschlossenheit und Einfallsreichtum wurde das Design von Joe Colombo schließlich realisiert. Additional Seating System von Joe Colombo für Sormani, 1968 Foto © Sormani Als ich das erste Mal das Lager von Sormani betrete, bin ich überwältigt. Überall befinden sich Regale voller Schachteln mit Schrauben und Schirmen. Gloria öffnet eine Tür, um die eindrucksvolle Sammlung von alten Designstücken Sormanis zu enthüllen.  Über drei Etagen erstreckt sich dieses Designparadies, dabei hat jede Etage ihre eigene Atmosphäre und erzählt ihre eigene Geschichte. Der erste Stock ist mehr oder weniger wie ein Showroom angelegt, mit auffallenden Designstücken in jeder Ecke. Ich entdecke in einem der Schränke ein Geschirrset von Ponti. Im hinteren Teil des Raumes befindet sich ein großes Sideboard mit Originalzeichnungen, Fotos und einem Modell des ersten Sormani-Katalogs von 1961, in dem die Produkte nach den Designer*innen aufgeführt und sowohl isoliert als auch in reizvollen Innenräumen präsentiert werden. Gloria führt mich zu weiteren Relikten aus dem Archiv, darunter Bilder der Fabrik des Unternehmens in Brand - ein Terrorakt, den das Unternehmen in den 1970ern erlitt, als Italien eine turbulente wirtschaftliche und politische Instabilität erlebte.

Im zweiten Stock des Lagers sind die ehemaligen Büros und Arbeitsplätze des Unternehmens erhalten, sowie alte Presseausschnitte über Sormani und Briefe von Ponti und anderen Designer*innen, die an der Wand hängen. Ein Artikel erzählt die Geschichte, wie Luigi Sormani vermeintlich 33 Tage lang von einer unbekannten Bande entführt wurde. Gloria war damals ein Teenager, erinnert sich aber lebhaft daran, dass die Familie nicht wusste, wo ihr Vater war. Sie weiß auch noch, wie er aussah, als er schließlich nach Hause kam. Danach änderten sich die Dinge, und die Firma Sormani war nie mehr dieselbe.

Wir kommen im dritten Stock an und Gloria zeigt mir ein paar Stücke, an denen sie besonders hängt und die sie niemals verkaufen würde. Sie schwärmt vor allem von Colombos Additional Seating System aus dem Jahr 1968, das damals so außergewöhnlich war, dass andere Unternehmen es nicht nachahmen konnten, ohne Konstruktion und Komfort drastisch zu verändern. Doch dank Luigi Sormanis Entschlossenheit und Einfallsreichtum wurde das Design Colombos schließlich realisiert. Dazu wurden Schaumstoffkissen über einem Stahlrohrträger mit Metallklammern befestigt. Heute ist dieses Designstück eines der bekanntesten Werke Sormanis.

Luigi Sormani mit seiner Tochter Gloria in den 1960ern Foto © Sormani Indem sie diese seltenen Sormani-Designs restauriert und sie neu zusammenfügt, um die vielen Errungenschaften ihres Vaters hervorzuheben, erweitert Gloria die bereits reichhaltige Geschichte italienischen Designs im 20. Jahrhundert. Ihr Vater glaubte daran, dass alles möglich ist, dass es für jedes Problem eine konstruktive Lösung gibt. Eine solche von Optimismus, Ideenreichtum und Hartnäckigkeit geprägte Haltung darf nicht in Vergessenheit geraten. Dank seiner Tochter wird Sormani seinen rechtmäßigen Platz in der Ruhmeshalle unserer Designer*innen einnehmen können.

  • Text von

    • Veronique Schuermans

      Veronique Schuermans

      Veronique aus Belgien hat Linguistik für Französisch und Deutsch studiert und kam ursprünglich für ein Wirtschaftsstudium nach Berlin. Heute ist sie ein wichtiger Teil unseres wundervollen Sourcing-Teams. Neben Design ist süßes Gebäck eine ihrer großen Leidenschaften.

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