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Design als Weg zur Veränderung auf dem Le Festival du Design Paris


Die Kraft des Spiels

Von Anna Carnick

Die Lieblingsfrage meines Schwiegervaters John lautet: “What time is it?” In diesem Fall bedeutet “time” nicht Uhrzeit, es geht nicht um Minuten und Stunden, sondern er möchte, dass wir darüber nachdenken, wo genau wir uns im Bezug auf den Verlauf unserer Lebenszeit befinden. Diese Frage beschränkt sich meist auf große Familientreffen—Geburtstage, Urlaube und ähnliches—und der Gedanke dahinter ist simpel: Das Leben ist kurz. Es ist wichtig, sich Punkte zu setzen, an denen man die Welt um sich herum und den eigenen Platz darin betrachtet und sich überlegt, ob man auf dem Weg ist, auf dem man sein möchte.

Als ich in den letzten Tagen für die alljährlichen Festival du Design Veranstaltungen (auch bekannt als D’Days) in Paris war, hatte ich immer wieder diese bohrende Frage meines Schwiegervaters im Kopf. In den letzten fünfzig Jahren haben keine französischen Wahlen weltweit so viel Aufmerksamkeit erhalten wie die diese, weshalb es sich ehrlich gesagt etwas surreal anfühlte, die Schönheit des Pariser Frühlings und ein Designfestival zu genießen. Aber viele der D'Day Ausstellungen überall in der Stadt zeigten nicht nur ein spürbares Bewusstsein für unser aktuelles soziales und politisches Klima, sondern gaben auch eine eindeutige Antwort. Fragte man sie: “What time is it?” antworteten sie entschieden: „Es ist Zeit zu spielen."

Dies ist keine leichtfertige Antwort, sondern das Thema des Festivals—“Let’s Play!”—das zugleich freudig und herausfordernd zum Handeln aufrief. Die Ausstellenden zeigten Experimentierfreude, Zukunftsdenken und neue Herangehensweisen an viele der Probleme, die uns heute plagen. Im majestätischen Musée des Arts Decoratif im 1. Arrondissement, wo die hohen Decken Jahrhunderte von historischen Pariser Sammlungen überblicken, ging die D'Days Ausstellung das Thema mit einer Serie vielfältiger, sich gegenseitig ergänzender Präsentationen an, abgegrenzt von bunten Flaggen in der großen Halle. Die Einführung zur Ausstellung besagt: „Zu spielen bedeutet, Freiheit wahrzunehmen—sich absichtlich von dem 'Realen' zu entfernen, Beschränkungen zu hinterfragen und in der Vorstellung eine Welt zu entwickeln. Das diesjährige Thema—welches absichtlich mit dem Gedanken an Spaß in diesen politischen Zeiten konzipiert wurde— hebt hervor, dass Design das Potential hat, die Art, wie wir uns durch die Welt bewegen, zu verändern."

Rakù-Yaki Cabinet Bar by Emmanuelle Simon Images courtesy of the designer  Unter den Höhepunkten waren unter anderem die poetische Ausstellung Harvest von Dutch Invertuals, die—nach einem erfolgreichen Durchlauf letzten Monat in Mailand—einen Einblick in eine nicht allzu weit entfernte Zukunft lieferten, in der das Konzept der globalen Nachhaltigkeit neu ausgerichtet werden muss, da wir uns von Konsumenten zu autarken „Erntearbeitern" entwickeln. Submersion, eine Zusammenarbeit von D’Days und Panerai, brachte gleichzeitig futuristische und organische Objekte zusammen und reflektierte unsere Faszination mit dem Meer und dessen Rolle als endlose Inspirationsquelle für heutige Designer. Als perfekte Beispiele dafür dienen die Kurage Leuchte aus Papier und Holz von Nendo und Luca Nichetto für Foscarini (Kurage bedeutet auf japanisch Qualle) und die ätherische In Vitro 2 Ausstellung von Charles Carmignac und Emma Nicolas, die türkisen Tüll enthält, der verträumt in einem tiefen, schwarzen Meer in einem Glasaquarium schwebt. Poster for Tomorrow: I vote, therefore I am zeigte währenddessen die Ergebnisse einer Reihe einwöchiger Plakatgestaltungs-Workshops, die an Schulen in 16 Ländern von Draw Me Democracy angeboten wurden, einem globalen Projekt, das vom Demokratiefonds der Vereinten Nationen (UNDEF) finanziert wird und konzipiert wurde, um jungen Kreativen dabei zu helfen, „eine aktive Rolle in demokratischen Prozessen und Menschenrechtsfällen einzunehmen."

Im Grand Palais fand Revelations, die International Fine Craft and Creation Bienniale statt. Aus den fabelhaft prunkvollen Stücken, die perfekt an diesen opulenten Ort passten, stachen einige Projekte aufgrund ihrer frischen Designansätze besonders hervor. Die überaus schicken Arbeiten in der Péri’Fabrique Installation beispielsweise, die das Resultat einer einzigartigen Zusammenarbeit zwischen Designern und Handwerkern darstellen, in dem der übliche Designverlauf umgekehrt wurde: Statt der gängigen Herangehensweise, bei dem Designer die Handwerker auswählen, die ihre Entwürfe umsetzen sollen, wählten die Handwerker die Designer aus, mit denen sie arbeiten wollten und vor dem ersten Treffen existierten keine Skizzen. Isabelle Rodrigues, Koordinatorin von D’Days, erzählt uns: „Diese Verschiebung verstärkt den experimentellen Charakter und schafft die ideale Grundlage für Innovation."

Poster for the 17th edition of D’Days, the Parisian Design Festival Courtesy of D’Days Außerdem war die Gruppenausstellung von Absolventen der Pariser École Camondo eine erfrischende Abwechslung, da sie Arbeiten von aufstrebenden, unabhängigen Designern zeigte, die sich zusammengeschlossen hatten, um ihre Waren zu zeigen. Insbesondere zwei Projekte überraschten: Emmanuelle Simons dramatische, schwebende Rakù-Yaki Schrankbar war mit ihrem geschwungenen, mit Raku gefliestem Äußeren, das ein Inneres aus poliertem Messing umgab, ein absoluter Hingucker. Die Raku Verarbeitung—geläufig bei gefliesten Tischplatten—war in dieser Größenordnung unglaublich elegant. Die handgefertigten Nervure Teetassen von Luke Gehrke Rodriguez waren ein subtilerer Genuss, für den der Designer feines Porzellan verwendete, um Formen zu erforschen, die von groben Maschinen und Werkzeugen inspiriert wurden.

Im Centre Pompidou wandten sich die Ausstellungen Imprimer le monde (Die Welt drucken) und Ross Lovegrove: Convergence—beide Teil einer größeren Veranstaltung, die als Mutations/Creations bekannt ist—der Wissenschaft, Kunst und Technologie zu, um zu erforschen, wie die Objekte unserer kollektiven Zukunft aussehen könnten. Projekte wie das 3D gedruckte virtuose Grotto II, Digital Grotesque im Barockstil von Michael Hansmeyer und Benjamin Dillenburger und Drawn Pavilion von den Beteiligten der Advanced Design Studies der Universität Tokio (das Ergebnis eines neu entwickelten 3D-Druck-Stiftes, der es möglich macht, Strukturen per Hand in die Luft zu zeichnen) im Rahmen von Imprimer le monde zeigten Möglichkeiten auf, die sich ergeben, wenn Design und digitale Technologie zusammentreffen. Lovegroves Ausstellung—die „erste zukunftsorientierte Retrospektive" des Museums—umfasste Skizzen, Prototypen und fertige Produkte aus den letzten Jahrzehnten der außerordentlichen Karriere des Industriedesigners aus Wales. Die Stücke beleuchten seine anhaltende Hingabe zur Logik und Schönheit des Organischen und der Dynamik innovativer Materialien und Herstellungsmethoden.

Es war eine geballte, gesunde Dosis dringend benötigter Dinge, wie Optimismus und Ermutigung, zu einem Zeitpunkt, an dem viele von uns sozusagen vor Anspannung fast platzten. Vergangene Woche in Paris hat die kreative Community das getan, was ihr in der Vergangenheit bereits so häufig gelungen ist: Sie hat uns gesagt, welche Zeit gerade ist. Und darüber hinaus einen Spiegel hochgehalten, der reflektiert, wo wir uns heute befinden. Damit hat sie uns mögliche Wege in die Zukunft aufgezeigt—sofern wir für die unbegrenzten Möglichkeiten offen bleiben.

  • Text by

    • Anna Carnick

      Anna Carnick

      Als ehemalige Redakteurin bei Assouline, der Aperture Foundation, Graphis und Clear feiert Anna die großen Künstler. Ihre Artikel erschienen in mehreren angesehenen Kunst- und Kulturpublikationen und sie hat mehr als 20 Bücher herausgegeben. Sie ist die Autorin von Design Voices und Nendo: 10/10 und hat eine Leidenschaft für ein gutes Picknick.

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